Januar 2005: Was ist los mit mir?


2005 sollte eigentlich mein Glücksjahr werden, denn ich war endlich Oma geworden. Sehnsüchtig hatte ich darauf gewartet, weil ich das weitergeben wollte, was meine eigene Oma mir vermittelt hatte: Großherzigkeit, Güte, Weisheit und Trost in allen Lebenslagen. Wenn meine Oma mich in den Arm nahm, dann war alles wieder gut. So eine Oma wollte ich auch werden. Während der gesamten Schwangerschaft meiner Tochter malte ich mir aus, wie die kleine Maus (es war bekannt, dass es ein Mädchen war) wohl aussehen würde und was ich mit ihr alles anstellen wollte. Ich hätte also im 7. Himmel schweben sollen, als meine Tochter mich anrief: "Es ist alles gut gegangen. Wir sind gesund und munter." Auf dem Weg in die Klinik wunderte ich mich: So richtig überschwenglich und in Hochstimmung war ich nicht. Etwas störte. Das war mir schon Weihnachten und kurz darauf an meinem Geburtstag aufgefallen. Ich hatte keine Lust zu feiern, und das zum ersten Mal in meinem Leben. Schon seit Mitte Dezember (oder schon länger?) fühlte ich mich irgendwie schlapp, ohne den Zustand genauer beschreiben zu können. Es fehlte der Schwung, die Dinge anzugehen. Es fehlte die Lust, Pläne zu schmieden. Geselligkeit war auf einmal anstrengend. All das kannte ich nicht. Meine Eigendiagnose lautete: "Leichte Winterdepression, die schnell vorbei sein wird."
Als ich dann mein kleines Enkelkind zum ersten Mal im Arm hielt, waren alle grauen Gefühls- und Gedankenwolken verflogen. Ich hielt das Leben, die Zukunft, in meinem Arm, und das war wunderbar.

Februar -März 2005: Eine erste böse Ahnung

Ich schleppte einen grippalen Infekt mit mir herum (leichter Schnupfen und Kratzten im Hals), der einfach nicht verschwinden wollte. Also probierte ich so einige Grippemittel aus, ohne Erfolg. Die Schlappheit nahm zu und seit neuestem tat mir das Schlucken weh. Als Ende des Monats meine Tochter anrief, ob ich sie und mein Enkelkind nicht für eine Woche besuchen wollte, machte ich einen Arzttermin. Schließlich wollte ich die Kleine nicht mit irgendetwas anstecken. Etwas Besonderes schien mir nicht zu fehlen. Ich erhielt ein Rezept für ein Antibiotikum und das OK, nach Abschluss der Behandlung mein Enkelkind ohne Gefahr besuchen zu können.
Ein Unglück kommt ja bekanntlich selten allein. In der ersten Nacht im Gästebett bei meiner Tochter muss ich so unglücklich gelegen haben, dass ich mir einen Nerv einklemmte oder was auch immer da passierte. Das Resultat war, dass ich meinen rechten Arm nicht mehr hoch heben konnte und eine entsprechende Bewegung höllisch weh tat. Das gleiche Problem hatte ich schon einmal vor zwei Jahren. Damals war es der linke Arm und es dauerte Wochen mit Pillen, Spritzen und Massagen, bis die Schmerzen endlich weg waren. Damals hatte ich zu lange mit einem Arztbesuch gewartet. Da ich den Fehler nicht noch einmal machen wollte, ging ich zum nächsten Arzt. Der verschrieb mir einen Entzündungshemmer, gab mir eine Spritze und schon am nächsten Tag waren die Schulter- und Armschmerzen weg und - oh Wunder - die Halsschmerzen auch, allerdings nur so lange, wie die Tablette wirkte. Immerhin konnte ich dazwischen ohne Schmerzen wieder essen.
Die Woche bei meiner Tochter genoss ich in allen Zügen. Das strahlende Lächeln des Babys tat meiner Seele gut. Sie fühlte sich offenbar auch auf meinem Arm wohl und ließ sich schnell trösten, wenn sie mal weinte. Ich fühlte mich auch insgesamt wieder viel besser. Wir machten lange Spaziergänge, was mich nichts ausmachte. Von Müdigkeit kaum eine Spur. Die Woche verging wie im Flug und war viel zu schnell vorbei.

 Wieder zu Hause beschloss ich etwas für meine Gesundheit zu tun. Ich interpretierte meine, wie ich dachte, nun der Vergangenheit zugehörigen gesundheitlichen Probleme als Aufforderung meiner Seele, doch was mehr für mich zu tun.
Mein Hausarzt bot eine Sauerstofftherapie an und die wollte ich mal ausprobieren. Laut Prospekt steigern die Anwendungen die Energie und das allgemeine Befinden. Das konnte ja nur gut für mich sein! Nach drei Anwendungen, bei denen man sauerstoffreiche Luft einatmet, musste ich aber abbrechen, denn ich fühlte mich wieder hundeelend und krank, kränker als zuvor. Mein Arzt untersuchte mich dann gründlich, weil er sich das nicht erklären konnte. Die Lymphknoten waren im Halsbereich angeschwollen. Ich sollte nun ein anderes Antibiotikum nehmen und einen HNO-Arzt aufsuchen. Da gegen die Halsschmerzen nur der Entzündungshemmer half, bat ich um ein neues Rezept.
Die Halsschmerzen hatten sich in der letzten Zeit verändert. Zuerst waren da nur die Schluckbeschwerden. Nun hatte ich das Gefühl, mein ganzer Hals würde innen brennen. Wie gesagt, waren die Schmerzen aber immer nur dann da, wenn die Wirkung der Tabletten nachließ, dann allerdings so heftig, dass es kaum auszuhalten war.
Wegen der Halsschmerzen ging ich dann zum HNO. Der sah in den Hals und machte einen Abstrich. Er sagte dann, mein Hals sei sehr stark entzündet und ich sollte wegen des Ergebnisses vom Abstrich in zwei Tagen nachfragen. Der Abstrich zeigte ganz klar keinen bakteriellen Befall, sondern Pilze. Das schockte mich nun wirklich, denn das wusste ich: Pilze können sich nur dann so uneingeschränkt ausbreiten, wenn das Immunsystem im Keller ist.

Ich war nun richtig in Alarmbereitschaft und ein siebter Sinn sagte mir: "Du hast Krebs". Ich sagte das meinem Hausarzt und der fragte mich, wie ich denn um bloß auf diese Idee käme. Er kannte mich ja schon lange und wusste, dass ich ein richtiger Gesundheitsapostel war, Wert auf ausgewogene Ernährung legte, zweimal im Jahr fastete usw. Ich konnte ihm mein Bauchgefühl nicht erklären und wollte ihm nur allzu gerne glauben, dass der Pilzbefall eine Folge der Antibiotika wäre. Wohl um mich zu beruhigen wurde ein großes Blutbild gemacht und eine Sonographie. Die Sonographie zeigte nichts Auffälliges, das Labor war auch in Ordnung, also nahm ich brav das Anti-Pilzmittel ein in der Hoffnung, dass mein Zustand sich endlich mal nach oben und nicht weiter nach unten entwickelte.
Diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Im Gegenteil bekam ich von einem Tag auf den anderen Probleme mit dem Atmen und richtig Luftnot, wenn ich mich tief nach vorne beugte oder flach im Bett lag - so als schnüre mir etwas die Luft ab. Ich sollte nun ein Mittel gegen zuviel Magensäure nehmen, denn sowohl mein Hausarzt wie auch der HNO waren der Meinung, die Probleme könnten von einem Reflux her rühren, was bedeutet, dass Magensäure in die Speiseröhre zurückfließt. Meine Recherche im Internet ergab, dass dieser Reflux tatsächlich solche Symptome hervorrufen kann.

April/Mai 2005: Zeit des Verdrängens

Die Tage gingen ins Land. Ich fühlte mich antriebslos und schwach. Die Pilze waren verschwunden, aber die Halsschmerzen immer noch so schlimm, dass sie nur mit dem Rheumamittel erträglich waren. Ich hatte mir auch angewöhnt, nur Breiiges zu essen, weil das Schlucken dann nicht so weh tat. An die Luftnot hatte ich mich auch gewöhnt. Ich beugte mich einfach nicht nach vorne und schlief erhöht. Was mich störte und als Neues auftrat, war ein merkwürdiger Husten, wenn ich z. B. Sprudelwasser trank.
Meine Freundinnen riefen mich an und fragten, was denn mit mir los sei. Da wurde mir erst bewusst, dass ich kaum noch aus dem Haus ging - außer zum Einkaufen. Meinen Job als Medizin-Journalistin bekam ich noch ganz gut hin. Ich war freiberuflich und arbeitete von Zuhause aus. Also merkte kaum jemand, wie mies es mir ging. Alles war ja mit verschleppter Grippe zu erklären. Am Telefon konnte ich noch ganz gut die Fröhliche spielen, so wie mich alle kannten.
Das Essen wurde nun allerdings zum Problem. Festes konnte ich überhaupt nicht mehr schlucken. Die kleine Rheumapille wollte sogar nicht mehr runter rutschen. Das war natürlich eine Katastrophe, denn sie war ja das einzige, was gegen die Schluckschmerzen half. Zum Glück gab es sie auch als Zäpfchen und so war mir geholfen.
Am 20. Mai hatte mein Bruder Geburtstag. Er wurde 50 und eine große Feier stand an. Natürlich ging ich hin. Ich freute mich auf fröhliche Gesichter und nette Gespräche. Allerdings war der Abend dann für mich früh beendet, denn von all den tollen Leckereien des Buffets bekam ich wegen der heftigen Schmerzen beim Schlucken und eines starken Würgegefühls nichts herunter. Mich überkam das heulende Elend. Was war bloß los mit mir? Tief deprimiert fuhr ich früh nach Hause, von Feierstimmung keine Spur.

Zwei Tage später war ein Kontrolltermin beim Hausarzt. "Was ist denn mit Deiner Stimme los?" fragte er mich. Tja, seit gestern "pfiff" ich irgendwie nach ein paar Worten. Das war los. Ich hatte dem nicht viel Bedeutung gegeben. Meinen Arzt versetzte es allerdings in Alarmbereitschaft. So hatte ich ihn noch nie erlebt. Er nahm das Telefon, rief den HNO an. Ich hörte das Wort "Stimmbandlähmung" und folgte der Aufforderung, sofort den HNO aufzusuchen. Dort brauchte ich nicht lange zu warten. Die normale Untersuchung durch den Hals funktionierte nicht, weil ich ständig würgen musste. Also schob der Arzt mir eine Untersuchungskanüle durch die Nase in den Hals und sagte dann. "Nein, die Stimmbänder sind ok." Beruhigt fuhr ich zum Hausarzt zurück. "Morgen um 11.00 hast du eine Magenspiegelung im Krankenhaus", begrüßte er mich. Ich war erstaunt. Warum sollte man mir in den Magen schauen, wenn ich Probleme mit dem Sprechen und Luftnot habe? "Ich erkläre dir das alles morgen, wenn wir das Ergebnis besprechen." Damit war ich entlassen. Seltsamerweise kam keine Panik in mir hoch. Ich hatte eher Angst vor der Untersuchung als vor dem Ergebnis. Ich machte mir keine großen Gedanken. Die Untersuchung musste wohl sein, also wurde sie auch gemacht! Ich würde das im Dämmerschlaf machen. Da bekommt man nichts mit.

2.6.2005 - Der Tag, den ich nie vergessen werde


Meine Tochter fuhr mich ins Krankenhaus, da man nach der Betäubungsspritze nicht selbst fahren kann. Ich war nervös und auch ängstlich. Der Gastroenterologe war sehr freundlich, klärte mich auf und meinte, dass ich nichts von der Untersuchung spüren würde.
Im Untersuchungszimmer legte ich mich auf eine Liege. Jemand legte einen Zugang in eine Handvene, über die das Betäubungsmittel gespritzt werden sollte. Man steckte eine Art Klammer in meinen Mund, damit er offen blieb. Dann konnte es losgehen. Ich bekam noch mit, wie das Mittel gespritzt wurde, dann war Nacht und Stille.
Ich wachte in einem Raum auf, in dem noch andere Patienten ruhten. Mein Kopf war völlig klar. Ich konnte mich bewegen. Alles schien ok. Kurz darauf bat mich eine Schwester, wegen des Untersuchungsergebnisses zum Chef zu kommen. Ich bat meine Tochter, mit zu kommen. Vier Ohren hören ja mehr als zwei.
"Ich habe leider keine gute Nachricht für Sie. Ich musste die Magenspiegelung abbrechen. Sie haben einen großen Tumor im oberen Drittel der Speiseröhre. Zu mehr als 90 Prozent ist es ein Karzinom. Ich wollte keine Verletzung des Tumors riskieren. Deshalb wurde die Untersuchung abgebrochen. Es tut mir sehr leid, dass ich Ihnen das sagen muss. Sprechen Sie bitte mit Ihrem Hausarzt das weitere Vorgehen ab."
Die Sekretärin gab mir noch etwas Schriftliches für den Hausarzt mit. "Ein hochgradig malignitätsverdächtiger Tumor im oberen Ösophagusdrittel mit infiltrativem Wachstum. Am ehesten handelt es sich um ein Karzinom. Der Tumor ist nicht passierbar."

Ich war geschockt. Das war doch alles nicht wahr! Ich träumte und gleich würde der Wecker gehen und mich aus diesem Alptraum reißen!
Aber kein Wecker schellte. An die nächsten Stunden kann ich mich nicht mehr erinnern. Von meiner Tochter weiß ich, dass ich sehr gefasst wirkte, ihr Mut machte, dass die Diagnose ja erst nach den entsprechenden Untersuchungen feststehe und dass ich hoffte, alles wäre gutartig.
An meine Gefühle kann ich mich allerdings sehr gut erinnern. Ich hatte eine Höllenangst, meine Gefühle fuhren Achterbahn, und ich war total durch den Wind, innerlich zu keinem geraden Gedanken fähig, äußerlich dagegen ruhig. Wie schizophren man in einer solchen Situation doch sein kann.
Mein Hausarzt rief mich an. Er war genauso schockiert über das Untersuchungsergebnis wie ich. "Du musst jetzt schnell in ein Krankhaus zur Diagnostik. Ich rufe dich gleich noch mal an." Kurz darauf meldete er sich wieder. "Ich habe dich für Montag morgen hier im Krankenhaus angemeldet. Du wirst stationär aufgenommen, dann hast du immer einen Ansprechpartner, denn ich fahre ja morgen für eine Woche in Urlaub."
Am Wochenende überkamen mich aber dann große Zweifel, ob ich denn hier vor Ort im Krankhaus gut aufgehoben wäre und ob nicht eine größere Klinik besser sei. Ich telefonierte mit Ärzten aus dem Bekanntenkreis und die rieten mir auch, in eine große Klinik in Düsseldorf zu gehen. Also musste ich am Montag den Termin hier absagen und mich um einen neuen in der mir empfohlenen Klinik bemühen.

Das Wochenende verbrachte ich mit Info-Stunden im Internet, Aufräumattacken und Meditation - ein Spiegelbild meiner inneren Zerrissenheit.
Am Montag morgen schickte ich dann erst einmal an Fax an das hiesige Krankenhaus mit der Absage und bemühte mich um einen Termin in der anderen Klinik. Den bekam ich auch für den nächsten Tag (nach dem Hinweis bei der Sekretärin, ich sei stationär privat versichert).

Am Dienstag fuhr meine Tochter mich zum Vorgespräch nach Düsseldorf. Schon dieses Gespräch war eine Katastrophe wie auch die dann folgenden Tage der Untersuchungen, die stationär durchgeführt werden sollten. Telefonisch war ein Gespräch mit dem Chef der Chirurgie, der eventuell der Tumor heraus operieren konnte, ausgemacht. Der war aber aus irgendeinem Grund nicht da. Stattdessen sprach ein Oberarzt mit uns und mir sind nur noch Wortfetzen wie "künstlicher Magenzugang, wenn Sie nicht mehr essen können" und "Sie sind hier nicht richtig, das ist ja gar nicht mehr operabel, sie müssen mit unserem Gastroenterologen sprechen". Also warteten wir nun auf den nächsten Chefarzt, der aber auch verhindert war. Das Gespräch mit dem zuständigen Oberarzt machte mir aber dann drastisch klar, wie schlecht es um mich stand. Er las den Befund der Magenspiegelung und meinte: "Ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass der Tumor bösartig und aggressiv ist. Ich mache mir große Sorgen wegen Ihrer Atemnot. Vielleicht wächst da schon was in die Lunge. Wir müssen auch in die Lunge gucken. Die Prognose ist nicht gut. Ich melde Sie auf der onkologischen Station an. Kommen Sie morgen um 8.00 Uhr."
Damit waren wir entlassen. Kein Wort des Trostes, kein Wort des Mitgefühls, keine Worte der Hoffnung! Die habe ich auch in den nächsten zehn Tagen in dieser Klinik von Ärzten nie gehört. Diese Tage waren der Horror schlechthin. Zweimal habe ich mich in der Zeit selbst entlassen, weil die Situation für mich einfach unerträglich war. Ich hatte ja keine Ahnung, wie es auf einer solchen Station zugeht. Ich lag mit zwei anderen Patientinnen auf dem Zimmer. (Bei der Anmeldung fragte man mich noch: Ein- oder Zweibettzimmer? Offensichtlich wusste man dort nicht, dass es auf der Station nur 2 Einbettzimmer gab, auf denen aber nur die Sterbenden lagen).
Beide Frauen hatten zum wiederholten Male ein Rezidiv und waren in einem erbärmlichen Zustand. Die eine, eine alte Dame, bestand nur noch aus Haut und Knochen, erhielt aber dennoch Chemo, obwohl sie ständig sagte, sie wolle das nicht. Sie musste sich wieder und wieder übergeben, schlief fast nur und starb in der Zeit - für mich ein Symbol für die Tödlichkeit des Krebses oder seiner Behandlung. Sehr drastisch wurde mir das hier vor Augen geführt und das zu einer Zeit, wo ich natürlich noch die Hoffnung hatte, zu den wenigen Ausnahmen zu gehören, bei denen der Tumor gutartig ist. Ich werde die Nacht vor dem Tode der alten Dame sicher nicht vergessen. Sie lag in einem Gitterbett neben mir. In der Nacht wurde ich dann wach, weil ihr Bett so heftig wackelte, dass ich dachte, sie hätte einen epileptischen Anfall. So etwas hatte ich noch nicht erlebt. Ich macht das Licht an. Sie zitterte am ganzen Körper und versuchte etwas zu sagen, von dem ich nur "Durst" verstand. Ich gab ihr etwas zu trinken und schellte nach der Schwester. Ein Pfleger kam, spritzte ihr etwas und verschwand wieder. Ich sprach mit der sichtlich verängstigten Frau und versuchte, sie etwas zu beruhigen. Die andere Zimmernachbarin kam hinzu und wir streichelten gemeinsam die abgemagerten Hände der alten Dame bis sie einschlief. Eine Weile war Ruhe, dann ging es wieder los. Das Bett wackelte wieder, als würde es auseinanderbrechen. Wir sprachen ihr wieder gut zu, bis der Pfleger kam und ihr wieder eine Spritze gab. Das konnte doch alles nicht wahr sein! Sah denn hier keiner, dass die arme Frau im Sterben lag? Ich war völlig fertig. Meine andere Zimmerbewohnerin ebenfalls. Wir gingen auf den Flur und fragten den Pfleger, was denn mit der alten Dame wäre. "Sie hat sehr hohes Fieber mit Schüttelfrost."
"Und sie wird sterben, richtig?" fragte ich ihn. "Ja, in den nächsten Tagen". Als ich wieder im Bett lag, war an Schlafen nicht zu denken. Wir konnten doch nicht zulassen, dass die alte Dame starb, ohne dass jemand ihre Hände hielt! Wir setzten uns an ihr Bett, sprachen mit ihr, wenn sie die Augen öffnete, gaben ihr zu trinken und streichelten sie. Es war eine seltsam unwirkliche Situation. Als die Morgenschicht kam, wurden wir gebeten, in ein anderes Zimmer umzuziehen. Die nette Dame starb dann am späten Nachmittag im Kreis ihrer Angehörigen (die gegen ihren Wunsch die Chemo durchgesetzt hatten).

Was ich während dieser 10 Tage als grausam empfand, war, dass niemand der Ärzte mit mir die Untersuchungsergebnisse besprach, obwohl ich immer wieder darum bat - außer am Tag vor der Entlassung, als ich sagte, ich würde mich dort nicht weiter behandeln lassen sondern in eine andere Klinik wechseln. Auf einmal hatten die Ärzte Zeit zum Reden (weil ihnen eine Privatpatientin durch die Lappen ging?), aber da war es zu spät. Zum Glück bekam ich auf dem Weg zu den Untersuchungen immer meine Patientenakte in die Hand, und zum Glück verstand ich auch alles, was dort an Positivem vermerkt wurde: Lunge ohne Befund, keine Fistelbildung (was wegen der Luftnot vermutet hatte), keine Metastasen. Vielleicht hatte ich ja noch Glück im Unglück, aber keiner hat es mir gesagt. Bis hierher hat sich offensichtlich noch nicht herumgesprochen, dass Hoffnung wichtig ist.
Ich merke jetzt noch, wo ich diese Zeilen in den PC tippe, wie schlimm die Tage in dieser Klinik für mich waren und wie entwürdigend ich den Umgang der Ärzte mit den Patienten empfand. Und an jedem Tag dort habe ich bereut, nicht auf meinen Hausarzt gehört zu haben. Er hatte ganz bewusst das örtliche Krankhaus ausgesucht, weil zum einen technisch alle erforderlichen Untersuchungen gemacht werden konnten, er mir zum anderen aber eben diese schlimmen Erfahrungen in einer Großklinik ersparen wollte. Die Therapie hätte sowieso in einer Spezialklinik stattfinden sollen.
Übrigens erhielt ich Wochen später eine Rechnung für die Unterbringung im Einzelzimmer! Das war dann wirklich das allerletzte!
Ich erinnere mich auch noch sehr genau an den zuständigen Oberarzt, der meinte, er müsse nochmals eine Magenspiegelung machen. Auf meine Frage, was das denn solle, wenn er an dem Tumor nicht vorbei käme, erhielt ich als Antwort, darüber solle ich mir keine Gedanken machen. Man brauche noch eine Biopsie (obwohl schon eine im anderen Krankenhaus gemacht wurde???) Also wurde die Magenspiegelung durchgeführt. Als ich im Wachraum wieder zu mir kam, lief er strahlend auf mich zu und erzählte hocherfreut: "Ich habe die Spiegelung geschafft! Wusste ich doch!" Als wenn das alles hier ein Wettkampf wäre und er sich und anderen was beweisen müsse. Ich bekam einen richtig dicken Hals! Wenn er mit Gewalt den Tumor passiert hat, war das Risiko Krebszellen zu lösen, richtig groß. Die konnten jetzt über mein Blut hintreiben, wo sie wollten und Metastasen bilden. Ich war wieder mal geschockt. Was ich weiterhin als sehr schlimm empfunden habe, war der massive Druck, den der Oberarzt auf mich ausübte, um eine Bougierung, also Erweiterung der Speiseröhre zu machen. Das war richtig Psychoterror und Angstmache, so dass ich schließlich entnervt zustimmte, leider.
Es gab aber auch Lichtblicke in dieser Zeit. Einige Krankenschwestern und Pfleger waren sehr bemüht zu helfen - trotz des Zeitdruckes, unter dem sie standen.
Sehr geholfen haben mir auch Gespräche mit einem Seelsorger. Es war ein noch junger Mann. Aber er hatte die Gabe des Zuhörens und des "Mehr-Hörens". Offensichtlich entnahm er dem, was ich erzählte, dass ich eine richtige Wut auf jemanden hatte. Die hatte ich aber wohl gut begraben, denn erst als er mich darauf ansprach, wurde mir klar, dass es tatsächlich so war. Sein Rat: "Finden Sie einen Weg zu verzeihen". Das war einer dieser wesentlichen Sätze, die ich im Laufe der folgenden Zeit von mehreren Seiten hören sollte und die tief in meine Seele drangen. Sie gehören zu der "Sache mit Gott", einem spirituellem Empfinden, das mit der Zeit immer intensiver wurde und nun tief in mir lebendig ist. Gott sei dank dafür! Es hat mit geholfen, auch die schlimmsten Stunden dieser Zeit zu überstehen.
Ich habe mir damals schnell die CD "Verzeihen" von Rüdiger Dahlke besorgen lassen. Sie war mir ebenfalls eine große Hilfe.

Durch ´Zufall` in die richtige Klinik

Ich bin mir heute sicher, dass es keine Zufälle gibt, sondern dass das, was mir "zufällt", das ist, was für mich richtig ist. Zufall ist Fügung. Es wird meinem Leben das zugefügt, was fehlt.
Der wichtigste Zufall geschah, als ich mich während der Diagnostik selbst über das Wochenende nach Hause entließ. Dort surfte ich im Netz, weil ich alles zu meinem Tumor wissen wollte. Stundenlang saß ich am PC, las unzählige wissenschaftliche Veröffentlichungen, blätterte durch Foren von Betroffenen und wurde immer mutloser, weil ich leider einen Krebs erwischt habe, der selten ist und eine sehr schlechte Prognose hat. Ich schaltete den PC aus und war den Tränen nah. Hatte ich tatsächlich nur noch ein halbes Jahr zu leben, wie aus manchen Studien hervorging? Da schellte das Telefon. Am anderen Ende der Leitung war der Arzt, der die erste Magenspiegelung gemacht hatte und sich erkundigen wollte, wie es mir ginge und was die Untersuchungen ergeben hätten. Ich war einfach überwältigt. Da rief mich tatsächlich ein Arzt an, der mich nur einmal gesehen hat und fragt, wie es mir geht. "Verzeihen Sie mir, dass ich Sie anrufe, aber Sie gehen mir nicht aus dem Kopf. Einen so seltenen Tumor sehe ich auch nicht alle Tage. Ich kenne auch die recht schlechten Prognosen, aber vielleicht kann ich Ihnen helfen." Ich hätte ihn durchs Telefon knutschen können, so gut tat das. Ich sagte, was bei den Untersuchungen herausgekommen war. Einen Moment war er still und sagte dann: "Das ist sehr ernst. Der Tumor ist also inoperabel und Sie sollen mit Chemoradiatio (Chemo + Bestrahlung) behandelt werden. Direkt in unserer Nähe ist eine internationale Kapazität. Gehen Sie nach Essen ins Huyssenstift zu Professor Wilke. Wenn einer helfen kann, dann er. Er hat Studien gerade zu Ihrem Tumor gemacht. Ich habe noch vom Studium her Kontakt zum Oberarzt dort, der die Studien wissenschaftlich leitet. Machen Sie schnell einen Termin. Da sind Sie in den richtigen Händen."
Heute weiß ich, dass dieses "zufällige" Telefonat meinem Leben mehr Lebenszeit geschenkt hat und dass es mir so hervorragend geht wie jetzt, wo ich diese Zeilen tippe.

Am 21.6. war der Termin für das Erstgespräch mit Professor Wilke. Ich bat meinen Bruder, mich zu begleiteten. Ich war viel zu aufgeregt, um selbst Auto zu fahren. Große Erwartungen hatte ich nicht. Ich hatte mich in der Zwischenzeit damit abgefunden, dass ich nicht mehr lange zu leben hatte und erwartete einfach kompetente Hilfe, damit meine letzte Zeit zu ertragen wäre, das heißt, keine Schmerzen, Möglichkeiten der Ernährung, Linderung der Atemnot. Ich hatte mich im Internet informiert, was es da an Möglichkeiten gab. Meine Gedanken an den bevorstehenden Tod waren so weit gediehen, dass ich mir schon ein Hospiz in der Nähe ausgesucht hatte, in dem ich meine letzte Zeit in Würde verbringen wollte.
Mit diesen Gedanken ging ich in das Gespräch. Heraus kam ich mit einer "Heilungsoption". Die Tatsache, dass tatsächlich eine, wenn auch geringe Heilungsmöglichkeit bestand, warf mich genauso um, wie die Erstdiagnose. Gerade hatte ich mich mit dem Gedanken an den baldigen Tod arrangiert, da wurde mir eine gehörige Portion Hoffnung geboten, die ich nicht mehr erwartet hatte. Auch dieses Gespräch verließ ich wie betäubt. Gut, dass mein Bruder anwesend war. Mit ihm ging ich das Gespräch später nochmals durch - einfach nur um sicher zu sein, dass das Wort "Heilung" wirklich gefallen war und nicht meinem Wunschdenken entsprang.
Was mir bei dieser Begegnung ganz besonders gut getan hatte, war die einfühlsame, sehr interessierte Art, mit der Prof. Wilke mir begegnete. Ich hatte viel Zeit, Fragen zu stellen, fühlte mich wirklich ernst genommen, mehrere Therapieoptionen und ihre wissenschaftlich fundierten Prognosen wurden durchgekaut, so dass ich schlussendlich selbst entscheiden konnte: Ja, ich mache die Chemoradiatio! In diesem Gespräch wurde so viel Vertrauen aufgebaut, dass ich in tiefster Seele spürte: Hier bist du richtig aufgehoben.
In der folgenden Woche sollte es dann losgehen: montags den Port legen, dienstags die erste Chemo.
Bis dahin hatte ich auch Zeit, mich um ergänzende Verfahren zu kümmern und hatte Gespräche mit dem Institut von Prof. Grönemeyer und dem Onkologen Dr. Bach aus Solingen, den ich vor Jahren bei einer Veranstaltung der Gesellschaft für biologische Krebsabwehr kennengelernt hatte. Beide bestärkten mich darin, dass die unblutige Therapie die einzig richtige für mich sei. Komplementär wurde mir die Hyperthermie empfohlen, weil sie die Zellen empfindlicher macht für die Chemotherapie, also eine bessere Wirkung verspricht. Denn es war klar, dass alles davon abhing, ob meine Krebszellen auf die Chemo-Gifte überhaupt reagieren und dass meine normalen Zellen nicht zu sehr geschädigt werden. Schließlich schädigt die Chemotherapie alle Zellen, nicht nur die kranken. Daher auch die vielen gefürchteten Nebenwirkungen. Heute weiß ich, dass ich die Chemosensitivität meines Tumors hätte testen lassen können. Dazu benötigt man Tumorgewebe, das bei der Punktion oder der OP gewonnen wird.. Diese Zellen werden dann den verschiedenen Mittel der Chemotherapie ausgesetzt, so das man zum Schluss weiß: auf jene reagieren die Zellen mit Zelltod, auf andere reagiert der Tumor mit Wachstumsbeschleunigung und wieder andere wirken neutral. Mit dieser maßgeschneiderten Chemotherapie kann man viel Zeit sparen und Fehltherapien verhindern. Die Untersuchung wird allerdings von den gesetzlichen Krankenkassen nicht bezahlt, weil das Verfahren wissenschaftlich (noch?) nicht anerkannt ist. Die Begründung: Man kann nicht vom Verhalten der Krebszellen auf ein Chemomedikament im Labor darauf schließen, dass sich die Krebszellen auch im menschlichen Körper so verhalten. Ich würde mir wünschen, dass hier mehr geforscht wird, denn es bestünde hier enormes Einsparpotential. Jede Chemotherapie, auf die der Patient nicht reagiert, ist überflüssig, nur eine Qual und macht noch verbleibende Krebszellen resistent, so dass die Therapiechancen sinken.
Nach Rücksprache mit dem Krankenhaus habe ich von der Hyperthermie dann doch Abstand genommen. Man machte mir klar, dass ich eine sogenannte Maximaltherapie erhalten sollte wie in den Studien, die Prof. Wilke durchgeführt hatte. Da sei alles, was die Therapie weiter verstärke möglicherweise für meinen Körper zuviel. Dem Argument konnte ich gut folgen.

27.6. 2005 Therapiebeginn

Um 7.30 Uhr sollte ich in der Klinik sein. Dort wurde mir dann in lokaler Betäubung der Port gelegt. Ich hatte mich für den Port entschieden, weil ich in dem anderen Krankenhaus die entzündeten Venen der Patienten an allen möglichen Körperstellen gesehen hatte. Ein Port ist eine Wohltat dagegen. Er ist ja nichts anderes als ein vergrößerter Venenzugang. Da muss man nicht die Vene suchen, kann nicht daneben stechen und die Vene gibt ihren Geist nicht auf. Es war zwar gewöhnungsbedürftig, bei vollem Bewusstsein diese Prozedur zu erleben, aber weh getan hat es nicht. Der mich operierende Oberarzt war gerade aus dem Urlaub zurückgekommen und unterhielt sich mit der Krankenschwester über den tollen Rotwein, den er mitgebracht hätte und recht persönliche Details. "Hallo! Die Patientin ist bei vollem Bewusstsein und bekommt alles mit!" machte ich mich bemerkbar, in der Hoffnung, der Eingriff würde was schneller gehen. Das lange Flachliegen machte mir große Probleme, denn in dieser Position bekam ich nur ganz schlecht Luft.
Irgendwann war alles vorbei und ich wurde auf mein Zimmer gebracht. Nun wurde es also ernst mit der Chemotherapie! Prof. Wilke war zwischenzeitlich noch einmal bei mir gewesen und hatte erklärt, dass er sich eine individuelle Therapie für mich überlegt habe und ich vertraute ihm vollkommen. Dennoch hatte ich einen Riesenbammel vor allem, was jetzt kommen würde. Es gibt Situationen, da ist es gar nicht so hilfreich, viel zu wissen, sondern es kann sich als Segen erweisen, wenn man unbedarfter in eine Situation geht. Nun war ich aber berufsbedingt über Chemotherapie und ihre kurz- und langfristigen Nebenwirkungen bestens informiert. Mir war deshalb alles bekannt, was der Stationsarzt im vorgeschriebenen Aufklärungsgespräch erzählte. Die Einverständniserklärung las ich nur kurz an, dann reichten mir schon die in den ersten Zeilen beschriebenen möglichen Komplikation und ich unterschrieb schnell.
Was blieb mir denn anderes übrig? Es gab in meiner Situation keine Alternative. Der Tumor war in einem sehr fortgeschrittenen Stadium. Er war nicht operabel. Natürlich habe ich nachgefragt, was denn passiert, wenn ich nichts mache. Der Tumor würde weiter wachsen und in andere lebenswichtige Organe eindringen. Die Folge wäre Tod durch Organversagen.
Also sagte ich mir: "Da musst du jetzt durch!" Dieser Spruch sollte für die nächsten sechs Monate zu meinem Motto werden. Vielleicht half mir meine Steinbocknatur, diesem Motto auch in schwärzeren Stunden zu folgen.

Die erste Chemo

Sie ist mir noch heute in allerbester Erinnerung. Zunächst wurde Blut abgenommen, um zu sehen, ob die Blutwerte eine Chemo überhaupt zulassen. Dann wurde ich gewogen, da das Gewicht auch was mit der Dosierung zu tun hat. Die nette Schwester warnte mich dann, dass die Chemo eine längere Prozedur werden würde. Zunächst eine Infusion gegen Übelkeit, dann drei Chemos (Cisplatin, Irinotecan, Folinsäure), die insgesamt etwa acht Stunden laufen sollten, dazwischen noch Spülungen mit Wasser, da Cisplatin die Nieren stark belastet, dann eine 24Std.-Chemo (5-FU). Man hatte mir auch angeboten, die nächsten Chemos ambulant zu machen. Dann müsste ich zunächst in die Tagesklinik kommen und die 24Std-Chemo zu Hause weitermachen. Am folgenden Tag müsste ich mir die Portnadel ziehen lassen usw. Das war mir alles zuviel. Alleine zuhause und 30 km bis zur Klinik - meine Ängste waren zu groß, dass etwas passieren könnte. Und Hilfe wäre so weit weg!
Der Ständer mit dem Infusomat wurde ins Zimmer geschoben. Mit diesem Gerät sollten die Chemos automatisch richtig dosiert in die Vene gepumpt werden. Der Stationsarzt stach den Port an (hat nicht weh getan) und gab mir eine Tablette gegen Übelkeit. Dann kam eine Schwester mit der ersten Chemo und schloss sie an.
Ich hatte mir schon zuhause ein Konzept gegen meine Chemo-Angst zurecht gelegt. Ich kannte die Simonton-Methode und die Erfolge von Visualisierungen. Ich besitze zum Glück ein großes Vorstellungsvermögen und Visualisierungen habe ich schon oft in Stress-Situationen gemacht. Sie haben mir immer geholfen.
Als die erste Chemo in meinen Körper lief, stellte ich mir vor, ich würde von oben auf meinen Körper blicken. Dort sah ich dann meine 70 Billionen Zellen, die nun von der Chemo attackiert werden sollten. Ich sah meinen 8 cm großen Tumor als hässliche unförmige Masse hinter dem Brustbein und betete, dass meine gesunden Zellen durch ein helles göttliches Licht schützt werden und die Gifte nur die hässlichen grauen Zellklumpen zerstört. Dann stellte ich mir vor, wie meine Abwehrzellen die abgestorbenen Krebszellen in die Niere transportieren, damit sie von dort ausgeschieden werden. Sie müssen raus, weil zuviel Zellmüll, der durch die abgestorbenen Krebszellen anfällt, den Körper auch vergiften kann!
Um den Entgiftungsvorgang zu unterstützen, bemühte ich mich, viel stilles Wasser zu trinken. Das fiel mir aber wegen der Schluckbeschwerden richtig schwer.
Meditation war mir ja bekannt. Am heutigen Tag aber gelang es mir nicht lange, bei den Bildern zu verweilen. Ich konnte mich schwer konzentrieren. Immer wieder schob sich die Angst dazwischen und ich verspannte mich. Mit jeder weiteren Chemo-Woche klappte es aber immer besser und während der Strahlentherapie lief dieses Visualisierungsprogramm schon automatisch ab. Es war mir eine Riesenhilfe. Die Ängste gingen nicht weg, aber sie wurden weniger bedrohlich. Ich wurde zuversichtlicher.
Aber wie gesagt, beim ersten Mal klappe es nicht besonders. Er war stattdessen so, als starrte ich mit Argusaugen auf die Reaktionen meines Körpers. Ich konnte richtig spüren, wie das Gift durch meine Adern floss. Ich meinte, ein unangenehmes Kribbeln bis in die Fingerspitzen zu spüren und meine Schrift wurde krakeliger.
Von Übelkeit war nichts zu spüren, eher so ein diffuses Schwächegefühl, so als wäre der Kreislauf unten. Aber das konnte ja auch vom langen Liegen kommen.
So lief eine Chemo nach der anderen. Irgendwie gewöhnt man sich daran, mit dem Infusionsständer verbunden zu sein. Der Infusomat hat einen Akku, so dass man sich frei bewegen kann, wenn einem danach ist. Mir war nicht danach. Abends wurde dann die 24Std.Chemo angeschlossen. Die lief über ein kleines handliches Gerät. Das war bequemer als der lästige Ständer. So langsam wurde mein Angst geringer. Von Übelkeit noch keine Spur!
Die Nacht verlief störungslos. Ich konnte trotz der ungewohnten Umgebung recht gut schlafen. Ich war ja auch allein auf dem 2-Bett-Zimmer.
Als dann der Morgen dämmerte, begann die Übelkeit. Sie hat mich dann sechs Monate begleitet. Meist war sie einfach nur als störendes Element da. Übergeben musste ich mich aber selten. Man gewöhnt sich auch an diesen Zustand.
Als ich der Schwester sagte, dass mir übel sei, bekam ich ein Vomex-Zäpfchen und ein Pinnchen Paspertin. Als das Frühstück kam, war mir trotzdem nicht nach Essen. Aber die Vernunft sagte mir, dass der Körper ja Nahrung braucht, gerade jetzt, wo er durch die Chemo geschwächt wird. Am Tag zuvor war eine Diätberaterin bei mir. Sie hatte mich darüber informiert, dass der Appetit geringer werden würde, dass möglicherweise Abneigungen gegen bestimmte Lebensmittel auftreten, dass mir z.B. mein Lieblingsessen nicht mehr schmecken könnte und noch tausend andere Dinge, bei denen ich aber dann innerlich abschaltete, weil es mich völlig überforderte. (Hatte mein Gehirn schon gelitten???)
Wir hatten uns dann beim Frühstück auf Haferschleimsuppe, Quark mit passiertem Obst und Kaffee geeinigt.
Nun stand das Frühstück also vor mir und am liebsten hätte ich nichts gegessen. Übelkeit, Schmerzen beim Schlucken und Essen passen einfach nicht zusammen. Dennoch zwang ich mich, einige Löffel von der Suppe zu schlucken und - oh Wunder - der Hals brannte nicht mehr so höllisch, im Gegenteil, das Schlucken tat überhaupt nicht mehr so weh, obwohl ich keine Schmerztablette geschluckt hatte!
Am Nachmittag trat der Chefarzt ins Zimmer. (Er kam übrigens jeden Tag und hatte immer soviel Zeit, dass er sich zu mir setzen konnte!)
"Fällt Ihnen nichts auf" fragte er mich und strahlte dabei. "Was sollte mir auffallen?" fragte ich zurück. "Sie reden ganz anders - ohne nach Luft zu schnappen!" Ich sagte ein paar belanglose Sätze und hörte auf meinen Atem. Mein Gott, ich sprach wieder normal! Wie konnte das sein? "Das ist ein Zeichen, dass die Chemokombination bei Ihnen wirkt." So schnell? Ich blickte ihn ungläubig an. "Ich habe zwei Patienten gehabt, die in Ihrem Stadium waren. Bei denen war nach sechs Chemos kein Tumor mehr zu sehen", fügte er noch hinzu. "Ich bin froh, dass ich offensichtlich die richtige Kombination für Sie gefunden habe. Zum Glück haben Sie auch eine sehr gute Allgemeinverfassung, so dass wir diese Maximaltherapie anwenden können."
Als er das Zimmer verlassen hatte, rief ich sofort mein Kinder an und erzählte ihnen glücklich, dass etwas Wunderbares passiert war. Als ich aufgelegt hatte, liefen mir die Tränen übers Gesicht. War dies der erste Schritt in Richtung Heilung? Zumindest war es ein Schritt in Richtung Besserung. Mehr wagte ich nicht zu hoffen. "Bleib auf dem Teppich und mache dir keine Illusionen!" ermahnte ich mich, spürte aber gleichzeitig, wie das Hochgefühl, das diese erste spürbare Besserung in mir ausgelöst hatte, die Oberhand behielt. Und das war gut so, weil meine Zuversicht mir spürbar Kraft gab.
Am nächsten Nachmittag konnte ich nach Hause. Ausgestattet mit Tabletten und Tropfen gegen Übelkeit, fuhr meine Tochter mich nach Hause. Ich hatte Angst. Die Chemo würde ja noch weiter wirken. Was hatte ich zu erwarten, außer Übelkeit?
Zunächst ging alles gut. Ich machte es mir auf dem Sofa bequem und machte das Fernsehen an. Ich war aber ziemlich müde und ging früh ins Bett. Erstaunlicher weise schlief ich gut. Zum Frühstück aß ich eine Scheibe Pumpernickel mit Käse. Ohne Probleme konnte ich das schlucken. Wann hatte ich zum letzten Male Pumpernickel gegessen? Das war schon Wochen vorbei. Von Übelkeit keine Spur. Probleme machte mir aber die Tatsache, das ich seit Tagen keinen Stuhlgang hatte. (Heute weiß ich, dass das Cortison, das ich als Infusion gegen die Übelkeit zu Beginn der Chemo erhielt, den Darm lahm legt.) Meine Tochter besorgte mir ein Miniklistier, da ich das Gefühl hatte zu platzen. Nach einiger Zeit und unter massiven "Geburtsschmerzen" klappte es endlich und ich fühlte mich richtig erleichtert.
Dann kam die Nacht auf Sonntag. Sie war einfach nur schrecklich. Ich hatte einen Alptraum nach dem anderen. Alle zwei Stunden wurde ich wach, nass geschwitzt - und mir war ziemlich mulmig in der Magengegend.
Am Morgen fühlte ich mich hundeelend. Mein Appetit war bei Null. Mir war auch nicht nach Trinken.
Als ich mir die Zähne putzte, wurde ich blass vor Schreck: Meine Zunge war pechschwarz! Beim Duschen entdeckte winzige Blutbläschen überall am Bauch. Panik stieg in mir auf. Was um Himmels willen war das? Und dann waren da immer mal wieder so komische schwarze Ecken, die von links oben nach rechts unten an meinen Augen vorbeistürzten, auch wenn ich sie zumachte. Sie gingen einfach nicht weg und das alles machte mir Angst.
Mittags war ich so nervös, dass ich in der Klinik anrief und schilderte, was los war. Man versuchte mir zu erklären, dass das alles nichts Außergewöhnliches sei. Nun gut - aber wirklich beruhigen konnte man mich nicht. Ich wollte mich mit Lesen, Fernsehen und Musik abzulenken. Es klappte aber nicht wirklich. In diesen Stunden und ähnlichen, die noch folgen sollten, bedauerte ich zum ersten Mal, als Single zu leben. Wie wohltuend wäre jetzt eine stille Umarmung gewesen. Aber ich hatte mir mein Single-Leben selbst gewählt und musste nun die negative Seite kennenlernen. Später habe ich dann Partner von Zimmergenossinnen kennengelernt und bei mir gedacht: "Gott sei dank, dass du keinen Partner hast. Der schenkt dir keinen Trost, den musst du ja selbst noch trösten."

Montags ging es mir immer noch schlecht. Meine Tochter machte sich Sorgen, rief in der Klinik an und machte aus, dass ich schon am nächsten Tag zur Chemo kommen sollte. Mir war das sehr recht, denn dort fühlte ich mich wirklich sicher.

Meine Blutwerte waren in Ordnung, so dass die nächste Chemo am Mittwoch beginnen konnte. Ich hoffte, dass dieses Mal die Folgen harmloser würden, da es sich um die "kleine" Chemo handelte, bei der das die meisten Komplikationen hervorrufende Cisplatin weggelassen wurde. Ich war entsprechend optimistischer. Hinzu kam, dass ich eine nette Bettnachbarin hatte. Da kann man sich unterhalten und ist abgelenkt. Geteiltes Leid ist halt halbes Leid. Sie erzählte mir ihre Geschichte (Bauchspeicheldrüsenkrebs) und ich ihr meine. Wir konnten miteinander lachen, was richtig gut tat. Sie war schon Langzeitpatientin, musste immer wieder zur Chemo und hatte folglich jede Menge Erfahrung. Sie wirkte recht gelassen, obwohl ihr Zustand kritisch war. Ihr Alltag war aber sehr eingeschränkt. Sie wohnte zwar zu Hause, was aber nur möglich war, weil die Krankenkasse eine Hilfe bezahlte. Später lag ich zufällig wieder mit ihr auf einem Zimmer und sie sagte mir, dass das, was ich als Gelassenheit wahrgenommen hatte, in Wirklichkeit Gleichgültigkeit wäre. Sie könne sich einfach über nichts mehr freuen. Das hat mich sehr nachdenklich gemacht.
Die Zeit verging recht schnell. Donnerstag konnte ich wieder nach Hause. Medikamente hielten die Übelkeit klein, und ich war guten Mutes, dass es mir dieses Mal besser ginge.
Falsch gedacht! Es folgte eine Horror-Nacht. Wieder jagte ein Alptraum den anderen. Wenn ich wach wurde, musste ich mich unverhofft und ohne Vorwarnung übergeben, meist nur Flüssigkeit. Mehrfach schaffte ich den Weg nicht bis zur Toilette und hinterließ meine Suren auf dem Weg dorthin. Gleichzeitig war ich so schwach und weggetreten, dass ich nicht in der Lage war, das "Malheur" zu beseitigen.
Am Morgen stand auf einmal meine Tochter an meinem Bett. Sie hatte sich wohl Sorgen gemacht, weil ich nicht ans Telefon ging. Sie war geschockt über meinen Zustand und die "Relikte" in der Wohnung. "Ich fahre dich jetzt zur Oma. Du kannst hier nicht alleine bleiben." Die Tasche mit dem Notwendigsten war gepackt und mir war ehrlich gesagt alles egal. Die größte mir vorstellbare Übelkeit hatte mich gepackt und hielt mich in ihren Klauen. Sie machte das Denken unmöglich.
Meine Mutter wohnte nur ein paar Kilometer entfernt. Das Gästebett war vorbereitet, als wir kamen. Ich fiel hinein und in einen tiefen Dämmerschlaf. In regelmäßigen Abständen füllte ich den Eimer vor mir.
Am späten Nachmittag war der Spuk vorbei. Mir war zwar immer noch übel, aber das Erbrechen ließ nach. Ich konnte endlich wenigstens etwas Wasser trinken. An Essen war allerdings nicht zu denken.

Die Zeit mit meiner Mutter

Nun war ich also bei meiner Mutter. Die Vorstellung, mit meiner 83-jährigen Mutter zusammen zu leben, wäre mir im Vorfeld der Krankheit nicht in den Sinn gekommen. Unser Verhältnis war nie besonders gut. Nun war ich aber dankbar dafür, dass sie einfach nur da war. Meine Tochter hatte mich mit dem Hintergedanken dorthin gebracht, dass ich wenigstens regelmäßig zu essen und zu trinken bekäme. Die Situation stellte sich aber als ganz anders dar. Ich lernte mit der Zeit , dass meine Mutter durch die Krankheit und meinen Zustand völlig überfordert war. Sie freute sich zwar darüber, dass sie nun nicht alleine war und jemanden zum reden hatte, sie war aber nicht in der Lage, mich mal tröstend in den Arm zu nehmen, sondern benötigte selber Trost. Das zeigte sie mir gegenüber aber nicht, sondern versteckte ihre Hilflosigkeit hinter einer Oberflächlichkeit, was mich wiederum kränkte. Erst von Nachbarn erfuhr ich dann, dass sie dort all ihre Sorgen besprach, weil sie mir gegenüber stark sein wollte. Was für Missverständnisse! Mehrfach erzwang ich dann regelrecht Gespräche, die das Eis brachen und uns wieder näher brachten. Ich lernte ihren Alltag kennen und auch die Einsamkeit und Depression, in der sie seit dem Tod meines Vaters vor drei Jahren lebt. Ich sah ihre körperliche Schwäche, den langweiligen Tagesablauf und das soziale Abseits. Es ging ihr zwar finanziell gut, aber das war auch alles. Obwohl ich sie regelmäßig mehrfach die Woche besuchte, hatte ich das nie realisiert. Das war kein Ruhmesblatt für mich.

Also organisierte ich unser Zusammenleben. Nachbarn, meine Brüder und meine Tochter kauften für uns ein, da ich in der ersten Zeit zu schwach war. Ich kochte dann für uns, wir redeten viel über die Vergangenheit, schauten zusammen Fernsehen, spielten und rätselten miteinander. Wir gingen sehr früh ins Bett, hielten beide Mittagsschlaf und ich hatte das Gefühl, körperlich sehr viel älter zu sein als sie.

Die Zeit mit ihr hat uns gut getan. Ich verstehe sie heute besser, unser Verhältnis ist entspannter und dafür bin ich dankbar.

Chemo wird Routine

Bei der dritten Chemo erhielt ich zusätzlich ein Psycho-Pille gegen Panik, weil die Ärzte der Meinung waren, meine starke Übelkeit hätte hauptsächlich psychische Ursachen. Das Tavor half tatsächlich. Es war also hauptsächlich Angst, die mir auf den Magen schlug. Angst erkannt, Angst gebannt. Ich hatte ein wunderbares Gespräch mit der Psychoonkologin. Sie riet mir, mich auf meine Entspannungsübungen zu konzentrieren, mich der Therapie zu "ergeben" und empfahl mir, einfach mal über den Begriff "Demut" nachzudenken. Dieses Gespräch und weitere haben mit Sicherheit dazu beigetragen, dass von diesem Tage an alles leichter wurde. Tavor brauchte ich nie mehr.
Bei meinen Zimmergenossinnen erlebte ich, dass es ihnen mit fortschreitender Therapie immer schlechter ging. Bei mir war es umgekehrt. Alles wurde leichter. Die Übelkeit kam zwar immer, aber die Paspertin-Tropfen halfen an den klinikfreien Tagen, wenn ich sie regelmäßig nahm.
An die körperliche Schlappheit gewöhnte ich mich. Es gab Tage, da war jede Treppenstufe eine Herausforderung. An Autofahren war nicht zu denken. Zweimal musste die Chemo ausfallen, weil die Blutwerte im Keller waren. Zweimal erhielt ich eine Blutübertragung. Zweimal musste meine Tochter mich sonntags als Notfall in die Klinik bringen, einmal, weil ich eine gefährliche Thrombose hatte. Der Ausnahmezustand war allgegenwärtig. Je öfter er auftrat, desto "normaler" wurde er. Es war "der ganz normale Chemo-Wahnsinn", wie eine Bettnachbarin den Zustand benannte.
Nichts mehr war in Wirklichkeit "normal". Die körperliche Kraft sowie die psychische Energie, die ich bis dahin als selbstverständlich erlebt hatte, saugten die Krebsmedikamente einfach aus mir heraus. Es blieb nicht viel übrig. Ständig musste ich auf der Hut sein vor Infekten. Lieb gemeinte Besuche von Angehörigen oder Freunden waren nach kurzer Zeit anstrengend und mühsam. Die Pfunde schwanden aufgrund der Appetitlosigkeit und der Abneigung gegen Essen. Die Schleimhäute im Mund entzündeten sich trotz Extra-Mundhygiene. Spülungen mit Salbei und Olivenöl hielten den Schaden begrenzt. Verstopfung und schlimme Durchfälle wechselten sich ab. Eines morgens blieb ein halber Backenzahn im Brötchen stecken. Die Haare fielen aus. Mein Enkelkind wurde getauft und ich konnte nicht dabei sein.

Es gab aber auch Highlights wie in der Zeit, als die Chemo wegen schlechter Werte ausfallen musste. Da hatte mein Körper mehr Zeit, sich zu regenerieren und ich blühte richtig auf, hatte wieder Spaß, meinem Hobby der Malerei nachzugehen oder machte Rundrufe bei Freunden.

18. August 2005: Der Tag, als das Wunder geschah

Der glücklichste Augenblick während der Chemo-Zeit kam nach den ersten sechs Chemo-Wochen, als CT-Untersuchungen und der erneute Kontrollblick in die Speiseröhre anstand. Ich war als Notfall wegen schlimmen Durchfalls mal wieder vorzeitig in der Klinik. Ich musste an den Tropf und fühlte mich wieder an einem Tiefpunkt. Die Chemo musste zunächst verschoben werden. Ich durfte aber nicht nach Hause, sondern sollte zur besseren Kontrolle auch übers Wochenende bleiben. Es wurden dann 14 Tage daraus, da auch die Kontrolluntersuchungen gemacht werden sollten, 14 Tage Krankenhaus, an denen mir wieder sehr bewusst wurde, wie krank ich eigentlich war.
Es war Sommer. Die Sonne schien. Von meinem Fenster konnte ich in den großzügigen Park mit altem Baumbestand blicken. Ich wäre so gerne dort mal spazieren gegangen. Meine Puste hätte aber nicht weit gereicht. Schon der Weg von meiner Mutter in die Klinik machte mich fertig. Zwei Treppen runter gehen, ein paar Meter zum Auto, vom Klinikparkplatz zum Aufzug, dort setzte ich mich schnell auf einen Notsitz, dann etwa 50 m zur Station, ein paar Minuten warten, bis ich mein Zimmer zugewiesen bekam, dann ab ins Zimmer, schnell aufs Bett setzen und - völlig fertig - tief durchatmen. So war es jedes Mal.
Einmal in einer Chemozwangspause ging es mir relativ gut und ich fuhr meine Mutter zu einem Arzttermin. Ich wollte nicht mit in die Praxis, um mir keine Infektion einzufangen und ging stattdessen ein paar Meter den Berg hinunter zum Bäcker. Auf dem Weg zurück kam ich auf der kurzen Strecke so aus der Puste, dass ich alle paar Meter stehen bleiben musste. Der Versuch, mich über diesen desolaten Zustand hinweg zu trösten bestand darin, dass ich mir sagte: "Wenn die Chemo dich so fertig macht, dann macht sie auch den Krebs fertig."

An diesem besonderen Morgen in der Klinik wartete ich darauf, dass eine Schwester mich zur Magenspiegelung fuhr. Das CT hatte ich schon hinter mir. Als es so weit war, schickte ich ein paar Stoßgebete zum Himmel, dass der Tumor doch bitte nicht weiter gewachsen sei. Von der Untersuchung bekam ich nichts mit. Ob ich heute schon ein Ergebnis bekommen würde?
Am späten Nachmittag kam Prof. Wilke dann zur Visite. Erwartungsvoll und mit Herzklopfen blickte ich ihn an: "Können Sie mir schon was sagen?" "Von Ihrem Tumor ist nichts mehr zu sehen." Ungläubig sah ich ihn an. "Sie können mir das ruhig glauben." Er lächelte. "Ich freue mich für Sie, dass es so gut läuft."
Ich war sprachlos. Konnte das sein? 8 cm Krebs einfach verschwunden? War ich jetzt geheilt? Keine Bestrahlung mehr nötig? Prof. Wilke holte mich dann doch wieder auf den Teppich. "Die Strahlentherapie müssen Sie auf jeden Fall machen. Mit Chemo allein wurde der Krebs noch nie besiegt. Ohne Bestrahlung wächst er schnell wieder nach."
Egal - nachdem er das Zimmer verlassen hatte, rief ich zunächst meine Kinder, dann meine Mutter, meine Brüder und alle guten Freunde an um ihnen mitzuteilen, was passiert war. Ich wäre an meiner Freude geplatzt, wenn sie nicht hätte weitergeben können.
Abends hatte ich Schwierigkeiten, einzuschlafen, so aufgewühlt war ich noch.

Die Sache mit Gott

Sie begann an diesem Abend. Ich konnte nicht schlafen. Eine tiefe, noch nie gekannte Dankbarkeit hatte mich eingehüllt wie eine süße rosa Wolke. Sie trug mich aus dem Bett, zur Tür hinaus, ein Stück den Flur hinüber zum Eingang der Klinikkapelle, die ich zuvor noch nie betreten hatte. Ich setzte mich auf eine Bank und betrachtete das große Kreuz am Altar. Und es war als sähe Jesus mich an mit den Worten: "Mein Kind, hast du endlich zu mir gefunden?" (Es hört sich verrückt an, aber so war es!)
An diesem Abend zündete ich meine erste Kerze dort an - die erste von vielen.
Es ist aber nicht alleine das Gefühl der Dankbarkeit, das mich seitdem erfüllt, sondern ebenso das Gefühl, geborgen und beschützt zu sein. Das "Wunder" hat ein Licht in mir entzündet, das seitdem brennt, das mich wärmt und mir Mut und Zuversicht schenkt. Manchmal, wenn neue Tiefschläge kamen, hatte ich allerdings auch das Gefühl, das Licht sei wieder ausgegangen. Dann erinnerte ich mich an ein Gebet, das ein lieber Mensch mir schenkte:
"Gott,
ich suche eine Hand, die mich hält und ermutigt, die mich beruhigt und beschützt.
Ich taste nach einer Hand, die mich begleitet und führt, die mich heilt und rettet.
Ich brauche eine Hand, die stark ist und mich trägt, die mich ergreift und nicht mehr loslässt.
Ich möchte eine Hand, die es gut mit mir meint und sich zärtlich um mich legt.
Ich sehne mich nach einer Hand, der ich mich restlos anvertrauen kann, die treu ist und mich liebt.
Ich suche eine große Hand, in die ich meine kleinen Hände und auch mein Herz hineinlegen kann, eine Hand, in der ich geborgen bin - ganz.
Gott, Deine Hand lädt mich ein: komm!
Deine Hand lässt mich spüren: Fürchte dich nicht!
Deine Hand schenkt Gewissheit: Ich liebe dich!
In deiner Hand bin ich geborgen und aufgehoben für immer.
Und wenn ich trotzdem in einen Abgrund stürze - ich weiß: am Grund dieses Abgrundes wartet auf mich deine Hand, deine gütige, alles bergende Hand.
Und dieser liebenden Hand kann mich niemand entreißen.
Gott, in deine Hand lege ich alles.
Deine Hand lässt mich nicht mehr los.
Danke, du gute zärtliche Hand, danke!"
(Theo Schmidkonz, SJ)

Heute, wo ich meine Krebsgeschichte als Datei festhalte, bin ich ganz sicher, dass die Tatsache, dass es mir zur Zeit gut geht, kein Zufall ist, sondern das Ergebnis vieler Fügungen und Führungen. Die Gnade, die mir geschenkt wurde, besteht darin, dass ich sie als solche wahrnehme. Heute versuche ich, manchmal mit Erfolg, mein Ego auszuschalten und zu sagen: "Was auch immer geschieht - es hat alles einen Sinn. Auch wenn der Krebs wiederkommen sollte- es wurde mir kostbare Zeit geschenkt."

Einer der vielen Zufälle passierte an einem Sonntag, in der Zeit, als ich bei meiner Mutter lebte. Ich hatte damals sogar zu wenig Energie zum Lesen, was ich sonst so gerne tat. Aber in der Chemo-Zeit hatte ich ein sogenanntes Chemo-Matsch-Gehirn. Wenn ich zwei Seiten in einem Buch gelesen hatte, musste ich es zur Seite legen, weil meine Arme schwer wurde und meine grauen Zellen nichts mehr aufnahmen. Da ich immer früh zu Bett ging, war ich morgens entsprechend früh wach. So auch an einem Sonntag Morgen. Ich hatte mir etwas zu essen gemacht (kalte Milch und Kekse vertrieben die morgendliche Übelkeit), lümmelte mich auf der Couch im Wohnzimmer rum und machte aus Langeweile den Fernseher an, was ich zu dieser Zeit am frühen Morgen sonst nie tat. Es lief die amerikanische Predigt-Sendung "Hour of  Power". Gebannt hörte ich zu. Es war, als wäre die Predigt nur für mich gemacht, denn sie rankte um Psalm 3.6: Ich liege und schlafe ganz in Frieden: denn allein du, HERR, hilfst mir, dass ich sicher wohne. Das traf genau den Nerv meiner Gefühle.

Strahlentherapie

Man hatte mich in Essen überzeugt, dass ich den Therapieweg zu Ende gehen muss, wenn ich eine Chance haben will. Ich musste mich allerdings dazu zwingen, denn die Vorstellung, nun täglich in die Uni-Klinik nach Düsseldorf zu fahren und zusätzlich noch stationär eine Woche mit Strahlentherapie plus Chemo dort zu verbringen, war ziemlich grauenhaft. Ich wurde vorgewarnt, dass die Bestrahlung meine Speiseröhre so reizen könnte, dass ich eine Magensonde zur Ernährung bräuchte. Möglicherweise müssten auch starke Medikamente bis hin zu Morphium gegen Schmerzen eingesetzt werden. Zum Glück ist all das nicht eingetroffen. Die Schmerzen beim Schlucken waren zum Aushalten. Ich nahm schon die ganze Zeit ein Medikament gegen Magensäure, trank nun zusätzlich Aloe-Vera-Saft und schluckte vor jeder Bestrahlung ein Selen-Präparat. Vielleicht hat das ja in der Kombination geholfen - oder ich habe einfach nur Glück gehabt.
Vor Beginn der Bestrahlung hatte ich fast drei Wochen Zeit, mich zu erholen. Das war auch bitter nötig. Ich war saft- und kraftlos, aber mit jedem Tag hatte ich das Gefühl, es gehe bergauf - langsam, aber immerhin!
Die Strahlentherapie sollte am 3. November beginnen. Davor hatte ich einen Termin zur Vorbesprechung. Die Strahlentherapie sollte auf Rat von Prof. Wilke in Düsseldorf stattfinden. Das war zum einen näher und die Strahlenklinik hatte auch an den Studien mitgewirkt, nach denen ich behandelt wurde.
Der Gesprächstermin zur Bestrahlung war eigentlich in die letzte Woche während der Chemotherapie in Essen gelegt worden. Ich musste ihn aber wegen totaler Übelkeit um eine Woche vertagen. Spielte mir wieder die Psyche einen Streich? War mein Angst vor der Behandlung der Grund?
Dann ging es mir aber wieder gut (erstaunlich, wie schnell der Körper sich regenerieren kann) und ich war dann doch froh, nun die letzte Etappe beginnen zu können.

Das Aufklärungsgespräch mit Prof. Budach von der MNR-Klinik war sachlich und gut - bis zu dem Zeitpunkt, als er zu mir sagte: "Sie werden auf jeden Fall eine solche Maske tragen müssen" und auf eine Plastik-Ungetüm zeigte, das mich an die Hannibal Lektor-Maske aus dem Film "Das Schweigen der Lämmer" erinnerte: eine Gesichtsmaske mit einer Miniöffnung an der Stelle, wo man Nase oder Mund vermuten konnte. Mit wurde richtig schlecht. "Das soll ich während der Bestrahlung tragen?"
"Das sieht schlimmer aus, als es ist, aber es ist ein Muss und zu Ihrer Sicherheit, weil die Maske garantiert, dass Sie sich nicht bewegen und Strahlen eventuell in Bereiche kommen, die gefährlich sind. Sie bekommen nun einen Termin, um das Strahlengebiet zu vermessen und dann wird auch die Maske angefertigt." Damit war ich entlassen.

Dann kam der Tag, an dem mit CT-Unterstützung der Bestrahlungsbereich markiert und die Maske angefertigt werden sollte. Ich hatte einen guten Freund gebeten, mich zu begleiten und bei Bedarf Händchen zu halten. Um 11:00 war Termin, um 11:05 kam ich dran. Das fand ich schon mal klasse, da ich mich auf längere Wartezeit eingestellt hatte. Ich wurde in einen Raum gebeten. "So, wir fertigen jetzt erst mal die Maske an," sagte eine Schwester. "Wie geht das denn mit der Maske?" fragte ich. Sie zeigte mir ein Plastikstück. Es war blau mit winzigen kleinen Löchern darin. "Das Teil wird in heißem Wasser erwärmt und dadurch weich und formbar. Wir legen es dann auf ihren Kopf und drücken es an. Dann wird es innerhalb weniger Minuten fest und wir können es abnehmen." Ich bekam Panik. "Bekomme ich durch die winzigen Löcher denn genug Luft?" "Keine Angst. Wir schneiden im Nasen-Mund-Bereich ein Stück heraus."
Das warme Plastikteil wurde also auf mein Gesicht und den Halsbereich gedrückt. Es fühlte sich zunächst angenehm an, wie eine warme Kompresse bei der Kosmetikerin. Dann wurde es aber innerhalb kürzeste Zeit hart und viel enger, so dass ich das Gefühl hatte, zu ersticken. Ich wollte etwas sagen, konnte aber den Mund nicht aufmachen, so eng saß das Teil. Die Schwester bemerkte meine Unruhe. "Sie machen das ganz toll! Wir befestigen Sie jetzt mit der Maske hier auf der Liege und dann werden die Vermessungen mit dem CT gemacht. Das dauert etwa 20 Minuten. Wenn Sie irgendwelche Problem haben, dann heben Sie die Hand."
Mir blieb fast das Herz stehen. Wie sollte ich hier 20 Minuten durchhalten? Ich konnte nichts sehen. Durch das Loch in der Maske konnte ich nur oberflächlich atmen, und mein Kinn war so fest an den Kiefer gepresst, dass ich nur mit Mühe Spucke schlucken konnte. Was war, wenn mir jetzt übel wurde? Ich würde ja ersticken!
"Wir fangen jetzt an." Ich hörte die Geräusche eines Apparates. Er schien um mich herum zu fahren. Mal waren die Geräusche an der Seite, mal oben, mal unten. Ich war einer Panik nahe!
"Du musst jetzt meditieren, dann vergeht die Zeit schneller und du wirst ruhiger", sagte ich mir und begann: "Du bist ruhig und entspannt. Dein Atem ist ruhig und regelmäßig. Dein rechter Fuß ist entspannt. Dein linker Fuß ist entspannt..."
Es klappte einigermaßen. Immer mal wieder kam die Angst vor dem Ersticken. Dann musste ich mich erneut konzentrieren. Manchmal kam jemand in den Raum und malte an meiner Brust und dem Hals herum. Ich verlor das Gefühl für die Zeit. "Du schaffst das. Andere müssen da auch durch." Gerade als ich das dachte, hörte ich eine Stimme: "So, wir sind gleich fertig. Noch einmal eine Kontrolle. Dann haben Sie es geschafft." Wieder begann das Gerät um mich herumzufahren und ich mit dem Versuch der Entspannung. Es klappte nicht mehr so richtig. Aus Verzweiflung begann ich zu zählen: ein, zwei, drei... Wie viele Minuten würde es noch dauern? Leichte Übelkeit kam auf und damit auch wieder die Panik. Aber da hörte ich Schritte und die Stimme sagte: So, wir sind fertig. Ich befreie Sie jetzt." Jemand hantierte seitlich rechts und links an der Maske und zog sie mir dann vom Kopf. Ich holte erst einmal tief Luft. "Mein Gott, das war ja grauenhaft. Dauert das immer so lange?"
"Nein, nur, wenn wir neu anpassen müssen. Die Bestrahlung dauert nur wenige Minuten."
Ich war fix und fertig. Die Schwester bemerkte das und tröstete mich." Sie haben das toll gemacht." "Wie übersteht das jemand mit Platzangst?" fragte ich.
"Manche Patienten bekommen wirklich Panik. Da müssen wir mehrere Anläufe machen und zur Not auch was zum Beruhigen geben. Sie melden sich bitte an der Anmeldung. Dort bekommen Sie Ihre Termine." Damit war ich entlassen.
Ich hatte es überstanden. Von meinem Gefühl her war es einmal durch die Hölle und zurück und das Schlimmste, was ich bisher während der Therapie mitgemacht hatte.

Zeit der Bestrahlung

Die Bestrahlung begann wie geplant am 3. November. Pünktlich um 8:00 Uhr schellte der Taxifahrer, der mich abholte und von da an jeden Werktag in die Uniklinik fuhr, dort auf mich wartete und wieder nach Hause fuhr. Das war schon richtig komfortabel (Kassenleistung), aber ich hätte selbst auch nicht Autofahren können. Es ging mir aber relativ gut, zumindest so gut, dass ich beschlossen hatte, wieder in meine Wohnung zu ziehen. Die ständige Nähe zu meiner Mutter war doch manchmal etwas stressig und ich hoffte, zuhause wieder mehr "Normalität" zu haben.
Relativ gut bedeutet, dass der Appetit mäßig und meine Speisenauswahl sehr eingeschränkt war. Morgens zum Frühstück nach dem Aufstehen als erstes die Paspertin-Tropfen. Sie waren ein Muss vor jedem Essen, sonst konnte ich den Tag vergessen. Dann gab es die kalte Milch und die Kekse. Manchmal auch Zwieback. Die Kekse hatte ich auch immer auf der Fahrt zur Klinik in der Tasche. Die Fahrten zur Therapie und zurück waren zu meiner Freude recht unterhaltsam. Der Taxifahrer interessierte sich für vieles und wir hatten richtig gute Gespräche. Vor allem war er immer gut gelaunt! Das milderte die innere Anspannung. Dann war in meiner Jackentasche noch ein Notfall-Bonbon von Dr. Bach, das ich während der Fahrt lutschte. Die Angst, ich müsste mich bei der Bestrahlung übergeben, blieb aber bis zur letzten Bestrahlung. Die Bonbons sollten mir gegen die Angst helfen. Da mir zum Glück nie so richtig übel wurde, haben sie gewirkt - oder mein Glaube daran! Zudem hatte mein Arzt mir empfohlen, Selen vor der Bestrahlung gegen Nebenwirkungen zu schlucken, was ich auch gemacht habe.
Als wir an der Strahlenklinik ankamen, standen dort schon mehrere Taxis. Mein Taxifahrer kannte sich dort aus. Er hatte schon oft Fahrten dorthin gemacht.
"Soll ich Sie begleiten?" fragte er mich. Dankend nahm ich sein Angebot an. Er war in der ganzen Zeit wirklich rührend besorgt um mich. Wir betraten eine große langgezogene Halle. Auf der linken Seite führten mehrere Türen zu Bestrahlungsräumen. Ich musste zur Nr. 1. An der Anmeldung sagte man mir, ich solle auf einem der Stühle neben der Türe 1 Platz nehmen. Man würde mich aufrufen. Ich fand einen leeren Stuhl und mir war ziemlich unbehaglich inmitten der vielen Wartenden, die ja offensichtlich alle Krebs hatten. Manchen sah man es an, anderen nicht. Einige kamen im Rollstuhl. Und dann die Kinder! An diesen Anblick kann man sich nicht gewöhnen!
Ich kam mit meiner Sitznachbarin ins Gespräch. Sie hatte Brustkrebs und schon die Hälfte der Bestrahlung hinter sich. "Muss man hier lange warten?" fragte ich sie im Hinblick auf meinen wartenden Taxifahrer (übrigens einer von vielen, denn wer nicht vom Partner chauffiert werden konnte, kam mit dem Taxi. Manche kamen mit einem Sammeltaxi). "Das geht recht zügig", meinte sie. "Wann sind Sie denn dran?" wollte ich wissen. "Um 8:20 Uhr." Es war 8:15 Uhr. "Das bin ich", sagte sie, als ein Name aufgerufen wurde. "Also bis morgen!"
Sie verschwand durch die Türe. Kurz darauf wurde ich aufgerufen. Das ging ja flott! Die Organisation war so, dass der nächste Patient schon reingerufen wurde und sich auszog, während der Vorpatient bestrahlt wurde. Ich muss sagen, dass die Organisation wirklich klasse war. In der ganzen Zeit musste ich nur zweimal warten, einmal weil das Bestrahlungsgerät einen Fehler meldete und einmal weil es gewartet wurde. In einem solchen Fall wurden die Patienten auf die anderen Geräte verteilt, so dass es etwas Wartezeit gab.

Nun saß ich also in der Kabine. Die Perücke musste ab und der Oberkörper freigemacht werden. Ich sah mir meine "Tätowierung" an, die irgendwie als Orientierungshilfe bei der Bestrahlung dienen sollte.
Ich wurde aufgerufen. Eine MTA holte mich in der Kabine ab und geleitete mich durch einen Gang in den Bestrahlungsraum. "Bitte legen Sie sich auf die Liege." Sie gab mir eine Unterlage. "Die nehmen Sie nachher mit - und morgen bitte wieder mitbringen." Ich legte mich hin. "Einen Moment bitte." Die MTA verließ den Raum und ich hatte Zeit, mich umzuschauen. Dabei sah ich auch die vielen "Masken", die in einem Regal deponiert waren. Auf einer stand mein Name. Die MTAs kamen zu zweit zurück.
"Nun, dann wollen wir mal. Wir schnallen Ihnen jetzt die Maske um, dann machen wir ein paar Fotos und dann geht es los."
"Wie lange wird die Bestrahlung dauern?" fragte ich. "Acht bis zehn Minuten." Doch so lange! Ich bekam einen Schrecken.
"Was mache ich, wenn mir schlecht wird? Ich kann mit der Maske ja nicht rufen!"
"Dann heben Sie die Hand hoch. Wir beobachten Sie während der Bestrahlung durch das Fenster." Die MTA zeigte auf ein kleines Fenster in meinem Rücken. Ich schickte wieder ein Stoßgebet zum Himmel, dass bloß alles gut gehen solle!
Die Maske wurde auf meinen Kopf gestülpt. Ich konnte mich keinen Millimeter bewegen. Das Atmen war schwer.
"Wir fahren die Liege jetzt in die richtige Position".
Ich spürte, wie die Liege sich bewegte. Jemand drückte meine linke Schulter zurecht. "Bitte in dieser Position bleiben."
Man hantierte an meinem Oberkörper herum. Die Liege wurde höher gefahren.
"Wir müssen fixieren, die Patientin kann die Position nicht richtig halten."
Etwas Schweres wurde auf meine linke Schulte gelegt.
"Ja, so geht es." Die MTAs waren offensichtlich zufrieden.
"Wir verlassen jetzt den Raum. Sie werden hören, wie das Bestrahlungsgerät um Sie herumfährt und Sie aus mehreren Positionen bestrahlt. Bleiben Sie liegen, bis wir wieder hereinkommen."
Ich schloss die Augen. Kurz darauf hörte ich, wie sich das Bestrahlungsgerät in Bewegung setzte. Mal war es unter mir, dann auf der rechten Seite, dann auf der linken Seite, dann wieder irgendwo unten, dann direkt über mir.
Es ist schon gespenstig, wenn man nur dem Hören folgt. Ich öffnete zwischendurch auch mal die Augen. Aber durch diese Minilöcher der Maske konnte man ja nichts sehen, außer dass es etwas heller über mir wurde, wenn ich gerade von oben bestrahlt wurde. In jeder Position machte das Gerat halt, tutete mal in hohen, mal in tiefen Tönen, danach kamen Geräusche wie leise Maschinenpistolenschüsse und mir war klar: Jetzt werde ich mit Strahlen beschossen.
Ich versuchte während der ganzen Prozedur, die mir ewig zu dauern schien, an etwas Schönes zu denken, aber so richtig klappte es nicht.
"So es ist vorbei." Mit diesen erlösenden Worten kam eine MTA in den Raum. Sie hantierte an der Maske herum und zog sie mir endlich vom Kopf. Gott sei Dank, das war geschafft!
"Wir sehen uns morgen um die gleiche Zeit", verabschiedete sie mich.
So lief es von da an jeden Tag. Mit der Zeit lernte ich, die einzelnen Tut-Töne und ihre Reihenfolge zu unterscheiden. Er war meine Strahlungs-Melodie. Und ich lernte zu zählen: Jetzt noch dreimal tuten, noch zweimal, noch einmal - dann bist du fertig.
Aber auch wenn es Routine wurde, war es jedes Mal eine große seelische Belastung - bis zur letzten Bestrahlung.

November 2005: Der Super-Gau

November 2005: Der Super-Gau
Am 10. November wurde ich wie geplant stationär für eine Woche aufgenommen, weil ich nun parallel zur Strahlentherapie noch eine 3fach-Chemo erhalten sollte und jede Menge Komplikationen auftreten konnten. Erstaunlicherweise passierte aber zunächst nichts, bis auf die Tatsache, dass die Ärztin zweimal die Chemo falsch eingestellt hatte , mal zu langsam, mal zu schnell. Ich hatte mir aber schon lange zur Gewohnheit gemacht, alles zu kontrollieren, was man mir gab. Und hier bei der Hektik und dem wenigen Personal schien es mir besonders wichtig. Ich weiß nicht, ob mir durch die falschen Durchlaufzeiten etwas hätte passieren können, aber zu denken gibt einem das ja schon!
Gott sei Dank war die Übelkeit nicht stärker als sonst, kein Durchfall oder sonstiges. Nur das Schlucken tat nun wirklich höllisch weh. Ich bekam etwas zu trinken, was die Schleimhaut etwas betäubt, aber das schmeckte so scheußlich, das ich Angst hatte mich zu übergeben, also ließ ich es weg und sagte mir, dass ich die Zeit auch noch überstehe. Ich war eigentlich richtig happy, als ich die Uniklinik verließ, ohne Schaden genommen zu haben. Vor allem machte es mir Angst, dass ich bei meinen schlechten Blutwerten täglich in den engen Aufzug mit hustenden und schnupfenden Patienten musste und nahm so oft es ging den Weg über die Treppe. Die drei Etagen waren für meinen Körper aber auch nicht so ohne!
Wenn ich geglaubt hatte, dass ich von Unheil verschont geblieben wäre, so hatte ich mich gründlich geirrt. Kaum war ich wieder zuhause, da fing es an. Mir war permanent so sauübel, dass ich weder essen noch einen Schluck trinken konnte. Alles kam wieder raus und ich glaubte, jetzt müsse ich wirklich sterben. Ich wartete noch einen Tag ab, aber da sich nichts änderte, ließ ich mich sonntags als Notfall von meiner Tochter nach Essen in die Klinik fahren, wo ich mich immer gut aufgehoben gefühlt hatte. Es war mir so was von egal, dass man in der Uniklinik vielleicht pikiert sein könnte.
In Essen wurde ich dann eine Woche intravenös ernährt, weil nichts mehr ging. Ich war in jeder Weise jenseits von Gut und Böse, habe nur gedöst, alles war mir zuviel und ich fühlte mich dem Tode viel, viel näher als dem Leben. Ich war so weit, dass ich die Therapie komplett beenden wollte (eigentlich sollte ja wieder Bestrahlung in Düsseldorf sein). Prof. Wilke sagte mir eindringlich, dass ich die Strahlentherapie beenden müsse, sonst wäre die ganze Quälerei für die Katz gewesen. Aber auch das war mir egal. "Sprechen Sie mich darauf an, wenn es mir besser geht. Ich kann jetzt nicht entscheiden, ob und wann die Bestrahlung fortgeführt wird. Solange es mir so geht wie jetzt, werde ich garantiert keine Bestrahlung machen."
Das ganze war auch eine blöde Situation für die Essener Ärzte, da sie ja meine Bestrahlungstermine in Düsseldorf absagen mussten.
Aber ich fühlte mich eher tot als lebendig und als ich dann auch noch Blut mit erbrach, war alles für mich aus. Dann hatte ich auf einmal das Gefühl, dass im Bereich  meines linken Knöchels innerlich etwas platzte, mal da mal dort, und als ich hinschaute, sah ich überall geplatzte Äderchen. Himmel, was passiert da? Wenn jetzt auch Gefäße im Gehirn platzen? Natürlich hatte ich Panik ohne Ende. Die Blutuntersuchungen waren aber alle im grünen Bereich! Das Blut stammte aus der durch die Bestrahlung entzündeten Speiseröhre.  Was die geplatzten Äderchen bedeutete, konnte mir keiner sagen. Ich bekam Medikamente gegen die Entzündung der Speiseröhre und die Blutungen blieben aus. Und - man glaubt es nicht!- freitags war ich wieder so fit, dass ich bereit war, die Bestrahlung weiter zu machen.
Das war wieder einer der vielen Momente während der Therapie, in denen ich einen Riesenrespekt vor meinem Körper und seiner Regenerationsfähigkeit bekommen habe.

Dienstagmorgen bin ich dann wieder zur Bestrahlung gefahren und hatte eine aufwühlende Begegnung mit einem etwa achtjährigen Jungen. Ich kannte ihn schon vom Sehen. Normalerweise war er mit seiner Mutter da, aber heute war er allein, im Rollstuhl wie immer. Wir kamen ins Gespräch und er erzählte mir seine Krebsgeschichte: Tumor an der Lendenwirbelsäule verbunden mit starken Schmerzen und Lähmung der Beine. Seit April (jetzt war Dezember!) ist er schon in Behandlung mit Chemo- und Strahlentherapie. Nun zweimal täglich Bestrahlung "Im April nächsten Jahres bin ich dann gesund, denn ich habe zum Glück keine Metastasen", schloss er mit strahlenden Augen seinen Krankenbericht, der mit Fachausdrücken gespickt war, die jedem Professor alle Ehre gemacht hätten.
Ich musste die ganze Zeit innerlich die Luft anhalten, während dieser kleine mutige Junge mit solcher Selbstverständlichkeit vom Glauben an seine Genesung sprach. Und ich wollte schon aufgeben!!! Ich habe mich richtig geschämt und danke ihm von Herzen, für die Kraft, die er mir geschenkt hat.
Die war auch nötig. Donnerstag hatte ich beim Hausarzt eine Blutuntersuchung. Die wurde routinemäßig alle zwei Wochen gemacht, da ich wegen der Thrombose noch einen Blutverdünner nahm, der aber meine Gerinnung mal zu stark, mal zu schwach machte.
Als der Hauarzt mich abends dann anrief, war klar, das was nicht stimmte.
"Deine Werte sind katastrophal. Du darfst auf keinen Fall morgen weiter Bestrahlung machen, ohne den Professor zu sprechen. Ich faxe dir den Laborbericht. Und nimm auf keinen Fall Macumar!"
"Kann mir jetzt akut was passieren?"
Solltest du irgendwie verstärkt bluten oder es wird dir schlecht, dann fahr sofort in die Klinik!"
Natürlich war ich beunruhigt und schlief in dieser Nacht nicht gut.
Am nächsten Tag in der Strahlenklinik zeigte ich den Laborausdruck und ich wurde direkt zum Chef geschickt. Der sah sich die Werte an. "Dann nehmen wir jetzt noch mal Blut ab."
"Also heute keine Bestrahlung?"
"Nun, das hängst von den Werten ab. Ich glaube nicht, dass das von der Bestrahlung kommt, sondern das sind noch Folgen der Chemowoche."
Ich hatte schon gehofft, wieder nach Hause fahren zu können. Aber irgendwie arrangierte ich mich mit meinem Schicksal und nahm das recht gelassen. Die ganze Prozedur mit Blutabnahme und bis die Auswertung kam, würde länger dauern. Also schickte ich meinen Taxifahrer auf Abruf nach Hause.
Es dauerte tatsächlich ein paar Stunden. Aber in Unikliniken ist das wohl so. Als die Werte endlich da waren, musste ich wieder zum Professor.
"Die Werte sind insgesamt leicht gestiegen und da Sie gestern nach der Blutabnahme beim Hausarzt noch Bestrahlung hatten, liegt es eindeutig nicht an der Bestrahlung. Ihr Blut ist allerdings extrem dünn und ich müsste Sie eigentlich hier behalten." Ich sah ihn nur groß an. Das Wochenende in der Uniklinik verbringen? Was für eine Horrorvorstellung!
"Muss das unbedingt sein? Ich habe inzwischen eine Krankenhausphobie."
Er ließ tatsächlich mit sich verhandeln und ich durfte nach der Bestrahlung unter Auflagen nach Hause. Ich habe dann das Wochenende ganz ruhig auf dem Sofa verbracht und alles ging gut. Mein Hausarzt war in Rufbereitschaft für mich, so dass ich mich recht sicher fühlte. (Gut wenn man so einen Hausarzt hat!)
Montags wurde dann vor der Bestrahlung wieder eine Blutkontrolle gemacht. Die Werte waren weiter leicht angestiegen und das hieß "Daumen hoch". Aber dann ging am späten Nachmittag zuhause das Telefon. Einer der Uni-Ärzte war dran und erklärte mir, ich müsse morgen für zwei Tage stationär aufgenommen werden, weil doch eine Bluttransfusion für alle Fälle gemacht werden sollte. Da habe ich nicht lange nachgedacht. Wenn die mich schon aus der Uni anrufen, wird es wohl wirklich notwendig sein.
Mein Taxifahrer war wieder so nett, mich bis aufs Zimmer zu bringen und ich war sehr froh, als er mich nach zwei Tagen wieder abholte. So ein Uniklinikbetrieb ist nichts für mich.

Ende der Strahlentherapie

Endlich fing dann auch die letzte Bestrahlungswoche an. Jetzt musste ich morgens und nachmittags in die Klinik. Es wurde nun eine " zweimal tägliche hyperfraktionierte Bootsbestrahlung" gemacht. Das war mit dem Wissen, dass danach die Therapie endlich zu Ende ist - und das rechtzeitig vor Weihnachten und meinem Geburtstag - locker durchzustehen, wenn - ja wenn da nicht plötzlich ein Problem aufgetreten wäre, auf das man mich nicht vorbereitet hatte.
Ich dachte, ich hätte mir eine Erkältung eingefangen, weil der Hals kratzte und ich heiser wurde. Das verschlimmerte sich im Laufe der Woche so, dass ich die Strahlenärztin fragte, ob das mit der Bestrahlung zusammenhängen könnte.
"Ja sicher. Es kann sein, dass Sie ganz Ihre Stimme verlieren. Für eine Weile natürlich nur, hoffentlich", fügte sie hinzu, als ich sie wohl sehr konsterniert anstarrte.
So war es dann auch. Weihnachtlieder singen konnte ich vergessen, Geburtstag feiern auch, denn da bekam ich keinen Ton mehr heraus. Zwei Wochen war ich im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos. Aber dann ging es mit dem Schlucken wieder richtig bergauf und auch meine Stimme meldete sich wieder, zunächst fürchterlich krächzend, aber immerhin.

Am 23. Dezember war die Strahlentherapie dann wie geplant zu Ende. Beim Abschlussgespräch wurde ich darauf hingewiesen, dass evtl. auch später noch eine sog. strahlenbedingte Lungenentzündung auftreten könnte, die in der Uni speziell behandelt werden muss. Es könnte auch sein, dass die durch die Bestrahlung (= Chirurgie ohne Messer) bedingten Wunden in der Speiseröhre zu einer Narbenbildung führen, die wiederum zu Schluckbeschwerden führen oder das Essen ganz unmöglich machen können. "Also wenn Sie wieder Schluckbeschwerden bekommen, denken Sie nicht, dass der Krebs wieder da ist. Das sind vermutlich dann Narbenwucherungen. Dagegen können wir was tun. Melden Sie sich dann auf jeden Fall. Ich glaube aber nicht, dass dies in Ihrem Fall auftreten wird. Wenn man die Lage des Tumors in Betracht zieht, ist das eher unwahrscheinlich. Es können in ein paar Jahren auch Herzprobleme als Folge der Bestrahlung auftreten und auch die Lunge hat Schäden davon getragen. Aber darüber müssen Sie sich heute keine Gedanken machen. Haben Sie noch Fragen?" Ich hatte keine. "Dann wünsche ich Ihnen alles Gute für die Zukunft. Und in sechs Wochen sehen wir uns zur Kontrolle." Mit diesem Satz war ich entlassen.
Ich ging durch die große Wartehalle zum Ausgang, vorbei an den wartenden Krebspatienten. Draußen atmete ich tief ein. So, das war geschafft! Wie oft hatte ich mir in der Vergangenheit diese Situation vorgestellt! Endlich war die Therapie zu Ende. Bye bye Krankenhäuser, bye bye Docs. I will never come back!

Ich hätte die ganze Welt umarmen können. Stellvertretend fiel ich meinem Taxifahrer um den Hals und kramte aus meiner Tasche ein Geschenk für ihn. Er hatte mich so toll betreut!
Zum letzten mal unterschrieb ich dann vor meiner Wohnung den Taxischein. Es war geschafft!

Was nun, Ulla?

Es war der 23. Dezember. In meiner Wohnung angekommen setzte ich mich erst einmal auf die Couch und starrte vor mich hin. Es war alles so unglaublich, was in diesem Jahr geschehen war. Erst Verzweiflung, dann Hoffnung, dann viele körperliche und seelische Auf- und Abs inklusive Todesangst. Und nun war das alles vorbei. Es war so irreal. Da wird man von diesem Krebs vollständig aus dem Leben gerissen und nichts ist dann mehr wie es einmal war. Kann man einfach so wieder in die "Normalität" zurück? Den Lebenspfad wieder da aufnehmen, an dem er zerrissen ist? Den Krebs jetzt vergessen? Unmöglich! Wir würde es weiter gehen? Ich konnte doch nicht einfach so weiter machen, als wäre nichts gewesen.
Es war schon sehr merkwürdig: Ich hatte mir während der Bestrahlungszeit diesen Tag immer ausgemalt als einen der glücklichsten in meinem Leben. Und nun hatte die Euphorie gerade mal zwei Stunden gehalten. Mir wurde auch schon wieder flau, was mir klar machte, dass das alles noch lange nicht überstanden war.
Die Weihnachtplanung hatte ich offen gelassen, da ich ja nicht wusste, wie es mir da ginge. Hätte ja auch sein können, dass Komplikationen auftreten und ich eventuell wieder im Krankhaus wäre. Die Weihnachtgeschenke hatte ich schon lange besorgt. (Danke liebes Internet!). Die Familie traf sich dann am 1. Weihnachtstag wie auch die Jahre zuvor bei mir. Die Kinder hatten liebenswerter weise für die Verpflegung gesorgt. Dabei sein und nicht reden können, war ganz schön schwierig. Nicht essen können macht eine Weihnachtsfeier auch nicht zum freudigen Ereignis. Aber ich war glücklich, mit meiner Familie zusammen zu sein und mit meinem Enkelkind das erste Weihnachtsfest zu feiern.
Als alle weg waren, fiel ich auf die Couch. Alles war so unendlich anstrengend! Hoffentlich ging das bald vorbei. In vier Tagen war mein Geburtstag, den ich immer mit Familie und Freunden gefeiert hatte. Dieses Jahr fiel das garantiert aus, denn dazu fühlte ich mich körperlich und seelisch nicht in der Lage. So kamen nur die Kinder zum Gratulieren vorbei. Alle anderen Geburtsgrüße kamen per Telefon (ein Dank an alle meine Freunde für ihr Verständnis!). Die Telefonate liefen recht skurril ab, da von meiner Seite ja nur eine Art Krächzen möglich war. Das war teilweise schon kabaret-reif!
Die nächsten zwei Wochen bestanden aus gepflegtem Nichtstun. Einkaufen schaffte ich so gerade, aber ein kurzer Fußweg von vielleicht 300 m zu meiner Tochter brachte mich schon an die körperliche Grenze. Das Schlucken tat noch sehr weh. Äußerlich hatte mein Hals die Farbe eines Truthahns angenommen und brannte ganz schön. Es würde wohl noch etwas dauern, bis der Körper sich von der Bestrahlung erholt. Und ich wollte ihm die Zeit dafür geben und nicht erzwingen.

Geht es bergauf?

Es wurde Februar, dann ging es ganz unerwartet steil bergauf. Das Schlucken klappte wieder (und damit auch das Essen), das Sprechen auch und vor allem die fürchterliche Schlappheit begann langsam zu weichen. Meine Stimmung war richtig gut! Ich würde alle noch in meinem Körper herumschwirrenden Krebszellen den Garaus machen, mit allen Mitteln und Wegen, die mir möglich (und finanzierbar) waren.
Ich machte einen Termin bei einem Onkologen, der sich in biologischer Krebstherapie auskennt, um zu erfahren, was ich denn nun tun könnte, damit der Krebs nicht so schnell wieder kommt. (Leider gehört der Speiseröhrenkrebs zu denjenigen Krebsarten, die das sehr gerne tun).
Es wurde ein langes und sehr informatives Gespräch, an dessen Ende mir klar war, welchen Weg ich nun gehen würde: erst einen großen Immunstatus machen, um zu sehen, ob das Immunsystem unterstützt werden muss und dann eine Redifferenzierungstherapie nach Dr. Kremer und Homöopathie.

Zuhause stöberte ich im Internet, suchte nach entsprechenden Studien, weil diese Nährstoff-Therapie nach Dr. Kremer in Deutschland noch recht unbekannt ist und war mir dann sicher: Das ist dein Weg! Sobald ich endlich Ende Februar das Macumar weglassen konnte, wollte ich damit anfangen.
Das Ergebnis des Immunstatus hat mich richtig beflügelt: "Wenn ich nicht wüsste, dass Sie Krebs hatten..., kaum zu glauben, diese guten Werte!" Diese Worte kurbelten die Produktion meiner Glückshormone mächtig an. Mein Körper konnte der Chemo- und Strahlentherapie offensichtlich was entgegen setzen und eine besondere Immuntherapie musste nicht sein.
Seit dem Ende der Therapie und auch schon während der Strahlentherapie, als ich wieder zuhause war und den PC zur Verfügung hatte, wurde das Internet zu meinem zweiten Zuhause, um soviel wie möglich über das Thema Krebs zu erfahren. Vor allem das Forum des Krebs-Kompass war mir eine große Hilfe. Schließlich muss man seinen Gegner und seine empfindlichen Seiten kennen, um ihn in die Wüste zu schicken.
Denn das war mir klar: Mit dem Ende der Therapie war der Krebs noch nicht besiegt!
Chemo und Strahlen können nicht alle Krebszellen vernichten. Es bleiben immer welche übrig, die sich wieder irgendwo ansiedeln können und ich wollte alles tun, damit das nicht geschieht. Dazu musste ich erst einmal in Erfahrung bringen, was Krebs überhaupt ist, warum die Krebszellen nicht einfach absterben, wie alle normalen Zellen und ob es Wege und Möglichkeiten gibt, entartete Zellen wieder zu "guten" zu machen bzw. das Immunsystem auf Vordermann zu bringen, um die restlichen Krebszellen aufzufressen oder gar die Krebszelle zum natürlichen Zelltod zu zwingen.
Nachdem ich viel gelesen und mich umfassend informiert hatte, entschied ich mich für mehrere Ansätze (schließlich gibt es nicht nur eine Ursache für Krebs), die Körper, Geist und Seele betreffen.
Die Redifferenzierungstherapie soll den noch herumschwirrenden Krebszellen die Lebensbasis entziehen. Dies geschieht mit Hilfe von natürlichen Substanzen. Dazu zählen: Quercetin, Curcumin, Glutathion, Olivenblattextrakt, Omega-3-Fettsäuren, Q10, Heilpilze, Alphaliponsäure und Enzyme. Als ich die Liste meines Onkologen erhielt, wurde ich erst einmal blass: "Was, das soll ich alles schlucken?" Und mein zweiter Gedanke war gleich: Das wird aber teuer! Der Immunstatus hatte schon über 500 € gekostet, was die gesetzlichen Krankenkassen nicht übernehmen. Die Kosten für diese Therapie würde sie auch nicht übernehmen. Aber was solls. Es geht um mein Leben und ich muss mich dann anderswo einschränken. Es gibt immer einen Weg, zumal ich durch meinen Beruf günstige Bezugsquellen kenne.

Ein weiterer Ansatz war die Zufuhr von Sauerstoff, denn Krebszellen sterben ab, wenn sie viel Sauerstoff erhalten. Um das zu erreichen, versuchte ich nun, regelmäßig an die frische Luft zu gehen und mich zu bewegen. Das fiel mir zunächst sehr schwer. Ich kam schnell aus der Puste, anfangs schon nach fünf Minuten. Aber von Woche zu Woche und Monat zu Monat wurde das besser und die Strecke länger. Neben der Bewegung kann man durch rechtsdrehende Milchsäure die Krebszelle zwingen, mehr zu atmen. Rechtsdrehende Milchsäure ist in milchsäurevergorenen Säften wie Sauerkrautsaft, rote Beetesaft (auf dem Etikett nachsehen ob sie so vergoren sind!), in den fertigen Breuss-Säften wie auch im Brottrunk und konzentriert in Gelum-Tropfen und RMS-Tropfen aus der Apotheke. Dann kam auch wieder mein kleines Magnetfeldgerät zum Einsatz, dass mir während der Chemo so gegen die Zahnschmerzen geholfen hatte.

Soweit die Ideen und die Theorie. In der Praxis musste ich das Programm abspecken, es war einfach zuviel. Und irgendwie sollte sich doch nicht alles nur um den Krebs drehen.
Also begrenzte ich mich auf die Nahrungsergänzungen dreimal täglich, jeweils eine halbe Stunde vor dem Essen die Gelum-Tropfen und zwischendurch auf nüchternen Magen die Enzyme. Das war zunächst richtig Stress und wurde erst mit der Zeit zur Gewohnheit, genauso wie die halbe Stunde morgens, wenn ich bei Wind und Wetter durch die frische Luft marschiere. Eigentlich wollte ich auch noch Yoga machen, aber wann? Ich bekam tatsächlich ein Zeitproblem und deshalb fiel Yoga erst einmal aus.

Das Zeitproblem war tatsächlich ein Problem. Ich merkte, dass ich für alle Alltagsdinge einfach viel mehr Zeit benötigte als vor der Krankheit. Immer wieder musste ich auch zwischendurch die Füße hochlegen. Konzentriertes Arbeiten war schwierig. Wenn ich Texte schrieb, fehlten mir manchmal die Worte. Sollte die Langzeitfolge meiner Behandlungen etwa Alzheimer sein? Ich googelte mal und siehe da: Es gibt ein sogenanntes Chemo-Hirn als Folge der Chemotherapie. Manchmal hat man diese Ausfallerscheinungen noch nach 10 Jahren. Ich dachte nur noch: Um Himmelwillen, hoffentlich helfen die vielen Pillen auch, mein Gehirn zu regenerieren! Mir reichten eigentlich schon die Gefühlsstörungen, die ich seit Januar vor allem in der linken Hand und dem linken Fuß hatte. Sie waren sehr unangenehm, mal kribbelnd mal brennend. Mal waren Hand und Füße richtig taub, so dass ich Gleichgewichtsstörungen bekam.
Ende März sollte meine erste Kontrolle in Essen sein. Mal sehen, was man dort dazu sagt.

Die erste Kontrolle

Es war merkwürdig. Ich hatte keine Angst vor den Untersuchungen, weil ich mir so sicher war, dass sich der Krebs erst einmal verabschiedet hatte. Als ich dann die Tagesklinik betrat, war es so, als käme ich nach Hause. Alles war mir hier vertraut, auch die ausgemergelten Krebsgesichter. Ich wusste, dass ich in guten Händen war. Ich ging zur Anmeldung (Termin war ja gemacht) und fragte, was jetzt auf mich zukäme: Blutuntersuchung und CT Brust und Bauch. Kein Blick in die Speiseröhre? Damit hatte ich eigentlich gerechnet. Aber wenn die CTs reichten, sollte es mir recht sein. Ich hatte anderthalb Stunden Zeit bis zum CT-Termin. Eine Onko-Schwester gab mit zwei kleine Flaschen mit einem Kontrastmittel, das ich trinken musste. Ich setzte mich in eines der Behandlungsräume und wartete auf die Dinge, die da kommen würden. Nach einer Weile wurde mir Blut abgenommen. Dann machte ich mich auf den Weg zum CT mit einem Umweg über die Onkostation, auf der ich gelegen hatte. Das war ein fröhliches Wiedersehen, und es tat so gut zu hören, dass ich richtig gut aussähe!
Nachdem das CT gemacht war, ging ich wieder in die Tagesklinik. Dort sollte ich noch untersucht werden und natürlich die Ergebnisse erfahren. Ich wurde dann doch kribbelig. Was wäre, wenn...?
Die untersuchende Ärztin stellte mir viele Frage zu meinem Befinden. Ich wurde auch gewogen und war ganz froh, dass ich wieder etwas zugenommen hatte (Über so was kann man sich tatsächlich auch freuen!). Ich wurde auch nach "Missempfindungen" in Händen und Füßen gefragt, die ich ja hatte und erfuhr, dass die typisch sind bei Chemo mit Cisplatin und 5-FU, weil diese Chemos die Nervenendungen schädigen, manchmal auf Dauer, manchmal geht es weg. Es wurde mir empfohlen, kalt-warme Wechselbäder zu machen. Das leichte Klingeln und Rauschen im Ohr, das ich schon seit der Chemo hatte, geht auch zu Lasten von Cisplatin. Aber damit konnte ich leben. Wichtig war, dass Cisplatin meine Nieren nicht geschädigt hatte. Auch die Leberwerte waren soweit in Ordnung. "Aber nun zum Wichtigsten: das CT ist ohne Befund. Hier schauen Sie mal". Ich schickte ein Gebet zum Himmel: Lieber Gott, danke, danke!!! Die Ärztin zeigte mir alle Bilder, erklärte, was dort zu sehen war, aber das interessierte mich nun nicht mehr wirklich. Alles in Ordnung- wie wunderbar!
Ich rief meine Tochter an, dass sie mich abholen konnte. "Alles in Ordnung", waren meine ersten Worte und ich hörte regelrecht, wie ein paar Angstbrocken auf die Erde fielen.
Auf dem Weg zum Ausgang machte ich wieder einen Umweg. Dieses Mal ging ich in die Kapelle. Wie oft hatte ich dort Kerzen angezündet, wenn ich mutlos war. Nun zündete ich eine Kerze als großes Dankeschön an und schrieb meine Gefühle in das große Buch, das dort immer ausgelegt war. Was für ein schöner Tag!

Auf dem aufsteigenden Ast

Ich genoss die folgende Zeit sehr. Ich hatte das Gefühl, Bäume ausreißen zu können. Aber der Körper sagte doch allzu oft: Langsam bitte! Aber Hauptsache, die Stimmung war gut. Ich fühlte mich voller Energie. Was mir fehlte, war der Austausch mit anderen Betroffenen und so nahm ich Kontakt mit den hiesigen Zeitungen auf, die dann freundlicherweise mein Ansinnen veröffentlichten. Die Resonanz war nicht sehr groß, aber immerhin meldeten sich fünf Frauen. Wir trafen uns dann in regelmäßigen Abständen und es tat richtig gut, sich miteinander auszutauschen, denn keiner, der das nicht mitgemacht hat, kann nachvollziehen, welche Gefühle und Ängste sonst unausgesprochen bleiben. Es ist halt so, dass jedes Wehwehchen, das man normalerweise wenig beachten würde, einen zusammenzucken lässt, denn dann ist die Angst wieder ganz nah, dass der Krebs sich zurück melden könnte. Gott sein Dank blieb ich vorerst von solchen Wehwehchen verschont (dafür kamen sie in der zweiten Jahreshälfte massiv!).

Juni 2006 - eine Bilanz

Ein Jahr ist nun seit dem Tag vergangen, der mein Leben für immer verändern würde. Das letzte Jahr war ein sehr merkwürdiges Jahr. In den Monaten der Therapie von Juli bis Ende Dezember drehte sich alles nur um das Thema: "Wie wird der Krebs bekämpft und wie überlebe ich die Therapie." Alles andere war absolut sekundär. In diesem halben Jahr war ich in meiner Existenz sehr eingeschränkt. Was die Lebensqualität anbelangt, so gab es nicht viele Tage, an denen davon etwas zu spüren war. Essen war eine Qual, weil es nichts mehr mit Genuss zu tun hatte, sondern nur noch ein Muss war, um das Überleben zu sichern. Mein Geist hatte Scheuklappen und war nur auf das Krebsthema fokussiert. Aber ich lernte mich selbst von einer anderen Seite kennen: Dass so ein Kämpfer in mir stecken kann, hat mich selbst überrascht und mir für alles, was in Zukunft noch auf mich zukommt, Mut gemacht. Es war großartig zu erleben, wie meine Kinder, meine Brüder und mein geschiedener Mann hinter mir standen und mich ohne Wenn und Aber unterstützten. Danke an euch alle!!!
Der Krebs hat sich verzogen - ob nun endgültig oder nur für eine Weile, das weiß niemand. Die Angst, dass er wiederkommt, gehört ebenso zu meinem Leben wie die Hoffnung, dass es nicht der Fall sei wird. Chemo- und Strahlentherapie haben ein kleines Wunder vollbracht, das ich vor allem der medizinischen und menschlichen Kompetenz von Prof. Wilke, Kliniken Essen-Mitte und Prof. Budach von der Strahlenklinik der Uni Düsseldorf verdanke. Aber das Ausschlaggebendste auf dem Weg der "Gesundung" war Gottes Hilfe. Er hat mir so viele glückliche "Zufälle" geschickt und mein Herz so weit geöffnet, dass ich in der Lage war, diese "Zufälle" als seine Geschenke überhaupt wahrzunehmen und mich den "Zufällen" zu überlassen. Deshalb möchte ich heute aus tiefster Seele sagen: "Gott sei Dank!"

Zeit der Veränderung

Meine Energie steckte ich nun in ein großes inneres und äußeres Aufräumen, wobei mir das äußere recht schwer fiel. Ich wohnte nun seit einigen Jahren alleine im Haus, in dem sich der Krempel von vielen Jahren angesammelt hatte. Das Aufräumen war körperlich sehr anstrengend, aber meiner Seele tat es gut. Ich wollte so etwas wie einen Neuanfang in meinem Leben machen und da ist jeder Ballast hinderlich.
Als meine Tochter mich in dieser Zeit besuchte und die vollen Kartons für den Müll sah, fragte sie plötzlich: "Warum ziehst du nicht in eine kleinere Wohnung? Das Haus macht doch viel zu viel Arbeit."
Ja, warum eigentlich nicht? Nachdem der Gedanke nun einmal in meinem Kopf war, ließ er mich nicht mehr los. Ich begann die Wohnungsanzeigen zu studieren und hatte mir vorgenommen: Wenn du eine Wohnung findest, die dir 100% gefällt, dann nimmst du sie.

Die kommende Zeit war dann ausgefüllt mit dem Gedanken an die neue Wohnung. Acht hatte ich mir schon angesehen, die allerdings in keiner Weise meinen Vorstellungen entsprachen, da entdeckte ich ein Inserat für eine Wohnung direkt in meiner Nähe. Ich rief sofort an und erhielt für den nächsten Tag einen Besichtigungstermin. Als ich die Wohnung betrat, wusste ich: Das ist sie! Sie gefiel mir auf Anhieb. Es war eine Parterrewohnung mit einem sehr schönen kleinen Garten, so wie ich es mir gewünscht hatte. Da ich dem Vermieter auch auf Anhieb gefiel, wurde drei Tage später der Mietvertrag unterschrieben.
Dass ich nun in dieser schnuckeligen Wohnung lebe, die für mich schon beim ersten Betreten ein Ort der Geborgenheit war, gehört auch zu den Ereignissen, von denen ich überzeugt bin, dass sie nicht einfach zufällig sind, sondern mir eine Richtung weisen.

Bis Juli hatte ich nun Zeit, mich auf den Umzug vorzubereiten und meine Aufräum- und Entsorgungsaktionen bekamen ab sofort eine größere Dimension. Es war auch schon auffällig, dass das Thema Umzug in meiner Familie in geballter Form auftrat. Zuerst zog meine Mutter in ein Altenheim direkt in meiner Nähe, dann zog meine ältere Tochter mit ihrem Partner in eine größere Wohnung und meine jüngere Tochter samt Mann und Enkelkind von weiter weg wieder in meine Nähe. Ich konnte mein Enkelkind nun sehen, wann immer ich wollte, und das war ein Geschenk des Himmels!
Manchmal überkamen mich dann doch Zweifel, ob ich mir mit dem Umzug nicht zuviel zumute und ob ich das nicht besser noch ein Jahr verschiebe und die nächsten Nachsorgeuntersuchungen abwarte, aber die Vorfreude überwog den Gedanken an den Abschied aus dem Haus, in dem ich fünfzehn Jahre gewohnt hatte. Die Vernunft sagte mir außerdem, dass im Falle, dass der Krebs wiederkäme, die neue Wohnung in jeder Hinsicht günstiger wäre (ebenerdig, keine Treppen, leicht zu reinigen usw.). Meinen Finanzen würde es auch gut tun, denn die Nährstofftherapie, die ich nun zur Rezidivprophylaxe machte, riss ein ganz beachtliche Loch in mein Portemonnaie.

Angst und Depression

Mitte Juli zog ich um, mitten in der heißesten Sommerphase. Es war anstrengend, aber zu meinem Erstaunen schaffte ich körperlich viel mehr als ich mir zunächst zugetraut hatte. Die Woche nach dem Umzug war eigentlich das schlimmste. Als ich nach dem Umzug das fast leere Haus wieder betrat (meine neue Wohnung ist 200 m Luftlinie entfernt), war mir klar: das mit dem besenrein hinterlassen, das schaffst du nicht alleine. Trotz der langen Zeit des Entrümpelns im Vorfeld stand da jetzt noch jede Menge Kleinkram rum. Also gönnte ich mir einen Entrümpelungsdienst, der aber wegen der Hitze wohl nicht so richtig in die Pötte kam und mir Ärger machte. Aber dann war es doch geschafft und als ich dann zum letzten Mal die Haustüre hinter mir schloss und die Schlüssel abgab, wurde mir doch wehmütig ums Herz, weil mir klar war, dass nun ein Lebensabschnitt zu Ende gegangen war. Ich ging noch einmal ums Haus, um mich "zu verabschieden" und dann in meine neue Wohnung. Dort würde meine Zukunft sein. Aber welche? Ich hatte noch so gar keine Vorstellung davon. Könnte ich beruflich wieder etwas machen? Was ist mit dem Krebs? Lässt er mich nun erst einmal in Ruhe? Ende September war ich wieder zur Kontrolle angemeldet. Ob dann wieder alles ok sein würde?

Die Sommertage zogen ins Land. Eigentlich ging es mir gut, nur ab und zu wurde ich von unerklärlichen depressiven Phasen heimgesucht. Sie kamen von einem Tag auf den anderen, quasi aus heiterem Himmel und genauso verschwanden sie wieder nach ein paar Tagen. Ich litt auch unter merkwürdigen "wandernden" Schmerzattacken. Mal tat die linke Schulter weh, zwei Tage später ein Backenzahn, dann wieder schmerzte eine Leiste so, als hätte ich eine Zerrung, ein paar Tage später meldete sich dann die andere Leiste usw. Die Schmerzen waren aber auszuhalten und verflogen ebenso wie sie gekommen waren. Merkwürdig!

Mitte August teilte meine Tochter mir dann mit, das ich zum 2. Mal Oma würde. Wunderbar!!! Enkelkinder sind so etwas Besonderes! Für mich auf jeden Fall die beste Medizin. Wenn ich in einem seelischen Loch steckte, brauchte ich nur mein Enkelkind besuchen, ihr Lachen und ihre Lebendigkeit erleben und alles war wieder gut.
Ende August bekam ich einen Infekt mit Fieber und allem Drum und Dran. Er warf mich richtig um. Ich fühlte mich sehr elend und kam um Antibiotika nicht herum. Aber auch die halfen nicht. Ich konnte nur das Notwendigste tun, alles fiel mir schwer. Natürlich machte mir das Angst. Hatte ich mich vielleicht mit dem Umzug doch übernommen? Meine Mutter war auch sehr anstrengend. Obwohl sie sich selbst für das Altenheim entschieden hatte, kam sie mit der neuen Situation überhaupt nicht zurecht, lege sich mit dem wirklich guten Pflegepersonal an, wollte ständig eine Extrawurst und rief mich täglich mehrmals an, um sich zu beklagen, und das, obwohl ich sie mindestens einmal am Tag besuchte. Sie machte sich und allen wirklich das Leben schwer. Mich belastete das manchmal sehr, gerade, wenn es mir nicht so gut ging.
Der Infekt zog sich bis Mitte September. Immer wieder Husten, Schnupfen, Halsschmerzen, erhöhte Temperatur. Ich fragte einen befreundeten Arzt und der riet mir, erst einmal für eine Weile meine gesamten Pillen abzusetzen, was ich dann auch tat. Ich überlegte schon, den Nachsorgetermin vorzulegen, als der Spuk von einem auf den anderen Tag vorbei war. Gott sei Dank! Ich war ja nicht einmal in der Verfassung gewesen, mein Enkelkind zu sehen und gute Laune zu tanken. Nun, das war ja jetzt vorbei.

Je näher der Vorsorgetermin kam, desto unruhiger wurde ich. Dieses Mal hatte ich kein gutes Gefühl. Ich durfte dieses Mal auch nicht vergessen, wegen meines Ports nachzufragen. Aus dem KK-Forum und Bekannten wusste ich, dass die regelmäßig den Port spülen ließen und mir wurde nach Beendigung der Chemo gesagt, ich müsse das nicht! Also was ist nun richtig?
Am 28. September begleitete mich ein Freund nach Essen. Dieses mal sollte nur Ultraschall und Blutuntersuchung gemacht werden, wie man mir sagte. Das ging alles schnell über die Bühne - und alles war in Ordnung! Vor allem nach dem Gespräch mit Prof. Wilke. Es ist unglaublich, welche Zuversicht er mir vermitteln kann! Wie ausgewechselt fuhr ich nach Hause. Wegen des hartnäckigen Infektes konnte er mich beruhigen. Damit ist nach so einer heftigen Therapie immer mal wieder zu rechnen, ist aber kein Risiko für Metas usw. Auch die Frage wegen des Portes wurde geklärt. Das wird halt unterschiedlich gehandhabt. Vorteile durch das Durchspülen gibt es nicht, deshalb brauche ich das nicht zu tun. Gut so, denn das erinnert ja doch jedes mal wieder an die Krankheit.

29.12.2006: Mein 60. Geburtstag

Was für ein Tag! Heute wurde ich 60 Jahre alt und war so übermütig, auch auf diesen Tag einen entscheidenden Nachsorgetermin zu legen. Dann wäre das erste so kritische Jahr nach Beendigung der Behandlung vorbei, in dem zu 80% Metastasen auftreten. Wenn die heutige Untersuchungen ohne Befund wären, könnte ich mich etwas sicherer fühlen. So ein Geburtstag hat noch mehr Vorteile: Jeder, der das Datum in der Klinik las, meinte mir etwas Gutes tun zu müssen. Alle Ergebnisse bekam ich sofort! Und sie waren ohne Befund!!!! Das war das schönste Geburtstagsgeschenk aller Zeiten! Die nächste Untersuchung sollte erst wieder in sechs Monaten sein. Auch das war wieder ein Schritt in mehr Normalität. Meinen Geburtstag feierte ich dann im kleinen Kreise mit der engsten Familie und mit denen, die mir immer zur Seite gestanden hatten.

29.12.2007 Ist es geschafft?

Schon wieder ist ein Jahr vergangen. Vieles ist passiert. Das wichtigste: ich bin wieder Oma geworden, meine ältere Tochter hat geheiratet und alle Nachsorgetermine waren ohne Befund.
Niemand kann sagen, ob der Krebs besiegt ist, aber er beherrscht in der Regel nicht mehr meine Gedanken. Meine persönliche AHB nach Kremer mache ich weiter, nur die Dosierungen wurden geringer. Quercetin, Glutathion, Olivenblatextrakt und Alphaliponsäure wurden allerdings gestrichen. Ich habe viel Fachliteratur gewälzt, in der ich diesen Weg bestärkt sah. Natürlich hat die Behandlung Spuren hinterlassen. Oft habe ich das Gefühl, dass mich Chemo und Bestrahlung um 10 Jahre älter gemacht hätten. Ich muss einfach öfter mal Pausen einlegen. Manche Dinge strengen mich viel mehr an als vor der Krankheit. Vor allem ist es anstrengend, mit mehreren Leuten länger zusammen zu sein. Dann schaltet mein Gehirn einfach auf Durchzug und ich bin nur müde. Lärm stresst mich sehr.
Ich habe durch das Cisplatin einen leichten Tinnitus. In der linken Hand und dem linken Bein gibt es immer noch Gefühlsstörungen und es fällt mir schwer, auf dem linken Bein die Balance zu halten (beim Yoga). Ich kann fast alles essen, allerdings langsam und sehr gut gekaut. Bei Tabletten muss ich aufpassen. Wenn sie keine Ummantelung haben, wie z.B. Aspirin, bleiben sie mir im Halse stecken, das geht gar nicht. Wenn ich Brötchen oder Graubrot esse, muss ein Getränk dabei sein. Schwarzbrot dagegen macht überhaupt keine Probleme. Manchmal (eher selten) überfällt mich eine depressive Stimmung, die 1-2 Tage anhält und dann wieder geht. Einmal bekam ich sogar eine richtige Panikattacke, als ich zum ersten Mal nach der ganzen Zeit mich mit der S-Bahn zu einem Einkaufsbummel in die nächste größere Stadt aufmachte. Der Lärmpegel schlug mir wie eine Faust in den Magen und mir wurde schlecht. Ich hatte das Gefühl, die vielen Menschen würden mich erdrücken und so nahm ich die nächste Bahn nach Hause. Das war schon erschreckend! Allerdings sagte ich mir auch, dass nach den gemachten Erfahrungen, der Konfrontation mit dem Tod und den vielen Ängsten eine solche Reaktion nicht unnormal ist.
Viele grippale Infekte waren auch dieses Jahr mein Begleiter. Wenn eines der Enkelkinder erkrankt, geht das selten an mir vorbei. Manchmal hat mir das Sorgen gemacht. Aber auf meine Nachfrage wurde mir wieder bestätigt, dass dies kein Risiko wäre. Ich sollte nur die Grippe- und Pneumokokkenimpfung machen lassen.
Ganz besonders gut tut mir die Zeit mit meinen Enkelkindern. Leider wird das Zusammensein mit ihnen auch nach relativ kurzer Zeit anstrengend, aber ich habe auch hier gelernt - wie in anderen Situationen auch - auf meinen Körper zu hören und NEIN zu sagen, um mich nicht zu überfordern.

Hier endet mein Tagebuch.

August 2010 – Fünf Jahre nach der Diagnose

Ende Juli hatte ich meine jährliche Nachsorge in Essen. Ergebnis: Alles ok!

 

Als ich in der Tagesklinik auf meine Untersuchungen warten musste und die Patienten sah, die gerade ihre Chemo erhielten, kamen alle Erinnerungen an meine Chemozeit wieder hoch und meine Gefühle waren sehr zwiespältig. Ich war froh, dass der Krebs sich wohl verzogen hat und mein Arzt war und ist zuversichtlich, dass er sich endgültig aus dem Staub gemacht hat. Aber die Krebstherapie selbst kann wieder zu einem neuen Krebs führen, und wer einmal Krebs hatte, der hat auch ein höheres Risiko, einen anderen zu entwickeln. Deshalb ist das Thema „Krebs“ nicht vom Tisch und weitere jährliche Untersuchungen dienen der Überwachung.

Genauso wenig vom Tisch sind auch die mulmigen Gefühle, die schon Tage vor einer Voruntersuchung auftreten. Im Jahr 2008 schienen sie sich sogar zu bestätigen, da man in der Leber bei der Sonographie etwas sah, was nicht da sein sollte. Es wurde dann sofort ein CT gemacht, und dieses ergab zum Glück, dass alles in Ordnung war. Aber die kurze Zeit bis zur Entwarnung hat meine Gefühle ganz schön durcheinander gewirbelt. Danach das Jahr 2009 war auch insgesamt nicht so berauschend, zumindest das erste Halbjahr.

Im Januar entwickelte sich mein normalerweise gut ertragbarer Tinnitus zu einem Monster, das mich halb verrückt machte. Gleichzeitig stieg mein Blutdruck ziemlich an. Alle Untersuchungen ergaben keine körperliche Ursache. Gleichzeitig hatte ich eine langanhaltende Erkältung, die schließlich mit Antibiotika behandelt wurde, was mir nicht so gut bekam. Alles hatte wohl mit Stress zu tun, denn als ich mich bewusst für zwei Wochen ganz zurückzog, wurde der Tinnitus wieder „normal“. Im Mai bekam ich dann Bauchschmerzen, die schließlich unerträglich und auch mit starken Medikamenten nur zeitweise geringer wurden, so dass ich schließlich meine Kontrolluntersuchung vorzog, weil das Gespenst von Lebermetastasen nicht aus meinem Kopf zu bekommen war. Zum Glück war aber alles in der Hinsicht in Ordnung, aber man sah einen Entzündungsherd im Darm, und nach einer erneuten Antibiotikabehandlung hatte ich dann Ruhe.

Wie es mir heute geht? Ich weiß, dass ich ein Glückskind bin und danke für jeden Tag an dem es mir gut geht. Ich nehme jeden Tag, so wie kommt, meistens sind es gute Tage. Ich bin auch körperlich wieder recht fit geworden, nachdem meine Kinder mir eine Wii-Konsole geschenkt haben und ich jeden Tag vorm Fernseher Tennis spiele. (Das müsste man eigentlich mal filmen!). Ich drehe jeden Tag meine Runde an der frischen Luft und gehe negativem Stress wie auch stressigen Personen aus dem Weg, wo immer es geht.

Rückblickend ist mir klar, dass ich seit Therapieende in einer geschenkten Zeit lebe. Das ist ein Geschenk, für das ich unendlich dankbar bin. Ich erlebe alles sehr viel bewusster, insofern ist meine Lebensqualität enorm gestiegen.

Ich musste aber auch erleben, wie andere Krebserkrankte, die ich über das Krebsforum kennen gelernt habe, starben. Auch Dr. Bach, der mir bei der komplementären Behandlung sehr hilfreich war, ist vor kurzen selbst an einem Krebsleiden verstorben. Das hat mich schon sehr getroffen, zeigt es mir doch, dass Krebs unberechenbar ist.

An dieser Stelle beende ich mein Tagebuch nun endgültig, es sei denn, der Krebs meldet sich wieder zurück. WIRD ER ABER NICHT!

Ich möchte mein Tagebuch aber nicht beenden, ohne mich von ganzem Herzen zu bedanken:

bei meinen Ärzten:

  • Dr. Brauksiepe, der mir den Tipp für die beste Klinik gab,

  • Prof. Wilke, der mir all sein Fachwissen inkl. viel Menschlichkeit schenkte,

  • Prof. Budach, der für eine sehr effektive Bestrahlung sorgte,

  • Dr. Bach, der sich in der biologischen Krebstherapie bestens auskannte,

  • Dr. Nasse, meinem Hausarzt, der immer für mich da war und ist,

  • bei meinen Kindern und Enkelkindern, ohne die ich das wohl nicht überlebt hätte,

  • bei meiner in diesem Jahr verstorbenen Mutter, die mich in einer schwierigen Zeit bei sich aufnahm,

  • bei meinen Brüdern, die immer da waren, wenn ich sie brauchte,

  • bei meinem Ex-Mann, der mich unterstützt,

  • und bei meinem besten Freund, der für mich da war, wenn es ihm möglich war.

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